Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
RECHT UND SITTE 
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wenig freunde haben, sagt Tox. 47 einer zum andern: /udXiora de 
fi xadt^oio tn'i Tr\g ßvQoyg rov ßoog.* 
Wie hier durch betreten der stierhaut unverbrüchliche gemein- 
schaft der heergenossen, so entsprang durch ähnlichen brauch nach 
altnordischem recht aufnahme ins geschlecht. Wer einen an kindes- 
stalt oder seinen unehlichen sohn in die gemeinschaft des hauses auf 
nehmen wollte, verfuhr folgendermaszen. er schlachtete einen drei 
jährigen ochsen, löste von dessen rechtem fusze die haut ab und 
machte daraus einen schuh, diesen schuh zog zuerst der vater an, 
nach ihm der neuaufgenommne sohn, dann alle erben und freunde. 
Gulajnngslög leyslngsb. 2. Frostafüngslög 1 1, 1 (rechtsalt. s. 155.463.) 
dies nannte man aetlleida, aettleiding** oder mit einem in den schuh 129 
steigen, und der noch spät ins mittelalter reichende brauch, die braut 
beim Verlöbnis oder der hochzeit zu beschuhen, scheint mir auf die 
heiligere sitte der vorzeit zurückzugehn, das opferthier, und dasz seine 
frisch abgezogne haut mit dem haaren fusz berührt werden muste, ver 
mittelte den neuen bund. Im lempel des Dius Fidius bewahrten die 
Römer einen Schild, der mit der haut eines beim bündnis zwischen 
ihnen und den Gahinern geopferten stiers bespannt war***: das stier- 
feil heiligte hier den Völkerbund. 
Welche unschuldige einfalt tragen alle gewohnheiten der vorzeit 
in dem familienrecht an sich, die vermählte braut wird gleich dem 
neuerwählten könig auf den schultern in die höhe gehoben, gleich dem 
angenonnnnen sohn in den schosz, aufs knie gesetzt, in den mantel 
gehüllt; auch der Wunsch, die Saelde legen ihre gtinsllinge in den 
schosz, wir sagen noch heute ein schoszkind des gliicks (mhd. der Ssel— 
den barn) sein, so setzte man den neugebornen Odysseus seinem grosz- 
vater auf die knie, dasz er ihm namen gebe (Od. 19, 40011'.), er ist 
ihm TioXvuQriTog, ein Wunschkind. Wenn bei den Tscherkessen ein 
fremdes kind an sohnesstatt aufgenommen wird, bietet ihm die haus- 
frau ihre brust, und dann theilt es alle rechte der übrigen kinder. 
die Neugriechen nennen ein angewünschtes kind ipvyonuldi, herzens- 
kind, liebeskind. Ulfilas verdeutscht vio&eotu frastisibja und das sonst 
unsrer spräche erloschne frasts musz vlog, rtxvov ausgesagt haben: JvoAhrn yjkvo^ 
es stammt, denke ich, von fraftjan voetv, frafu vo-rj/na, litth. protas, 6,13 
lett. prahts sinn, mut, und mag herzenskind, liebling sein, was uns in 
herz und mut hegt, wie wir den ausdruck seele, die Slaven duscha, 
duschitza hypocoristisch an geliebte wesen richten, f 
* den Lucian ziehen Suidas und Apostolius in den Sprichwörtern aus 
(Leutsch und Schneidewin paroemiogr. gr. p. 210.) 
** wie mhd. brütleite, swertleite, also wol auch früher ahtleita, slahtleita 
von ahta, slahta genus. schön diese technischen ausdrjicke lassen ahnen, dasz 
eine lierileita in skythischer weise gegolten haben könne. 
***) Dionysius halicarn. 4, 58 p. 257*. Nicbuhr 1, 569. 
f mhd. vrastmunt herzhaftigkeit, rehter vrastmunt ein base. Helbl. 2, 515 
(wie sonst ein base des muotes); mit fräste (audacter) er si werte, fundgr. 1,137 ; 
er sanc niht vrastgemunde (nicht herzhaft) nach der mugent. Lohengr. 176; 
durch die vrastmund (propter audaciam) Ottoc. 828 b .
	        

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