Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

sches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 
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SITTE 
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tungen geschlossen haben, auch hier erscheint tiefer Zusammenhang 
der europäischen Völker in glauben und sitte mit Asien. 
Anziehend sind die Überfahrten solcher heiligenbeine oft aus wei 
ter ferne nach der kirche, die sie neu erworben hatte, das volk un 
terwegs emplieng sie feierlich, wie man fürsten oder bischöfe empfängt, 
und geleitete bis zur grenze, wo schon die nachbarn aufgestellt wa 
ren, um den zug fortzuführen. 
151 So wurden die gebeine des heiligen Venantius durch Rabanus im 
j. 836 aus Italien geholt, das deutsche volk geleitete mit fahnen und 
kreuzen. Baiern empfiengen an ihrer grenze und giengen mit bis 
Solenhofen in regione Sualafeld, von da geleiteten Alamannen bis 
nach Hasariod, wo Ostfranken an deren stelle traten und bis zum 
gau Waldsäzi begleiteten*; alle deutschen stamme waren von gleichem 
eifer durchdrungen den heiligen zu verehren. Als in demselben jahr 
boten aus Paderborn nach Mans in Frankreich gesandt waren, um den 
heiligen Liborius abzuholen, dessen leichnam auf die heidnischen ge- 
müter der Sachsen einwirken sollte**, muss es ein groszarliger an- 
blick gewesen sein, wie an beiden ufern des Rheins das volk in zahl 
loser menge, auf dem linken Franken, auf dem rechten Sachsen ver 
sammelt standen; ingressi Saxoniam prae nimia sibi obviante turba vix 
gradum movere poterant (Pcrtz 6, 151. 156.) Im jahr 964 ent 
wandten zwei deutsche bischöfe durch nächtlichen einbruch die geheine 
des heil. Epiphanius von Pavia aus dem grab und schäften sie glück 
lich über die alpen nach Ilihlesheim (Pertz 6,249.)*** bekannt ist die 
translatio sancti Alexandri im j. 831: magnis undique multitudinibus, 
virorum scilicet ac mulierum, diversarum regionum occurrentibus atque 
venerationem praebentibus, "signisque quam pluribus coruscanlibus (Pertz 
2, 678.) misfiel den heiligen etwas, so erschienen sie nachts im 
träum und verkündeten ihren willen, wie götter zu thun pflegen. 
Man bewahrte im heidenthum nicht blosz die gebeine und häup- 
ter von menschen, sondern auch thieren, zumal pferden (mythol. s. 626); 
152 Herodot 4, 71. 72 schildert ein oij/iia der skythischen könige, das 
aus den leiclmamen getödteter pferdc und knechte aufgerichtet wurde 
(rechtsalt. s. 676.) 
Es wird anderswo gelegenheit sein von der uralten, unter allen 
europäischen Völkern verbreiteten sitte der leichengerüste, leichenmale 
und leichenwachen ausführlich zu handeln. 
Aus einer menge von einstimmungen über kleidung und tracht 
greife ich blosz einen einzelnen zug. 
Reiter und fuhrlcule pflegen einen breiten gurt um den Unterleib, 
damit er auf dem rosse nicht erschüttert werde, zu schnüren; ein 
* Ruodolfi fuldensis vita Hrabani in Scliannats hist. fuld. p. 123 n° XVII 
und in den act. ord. bened. sec. 4 pars 2. 
** quia vero rudis adbuc in fidc populus et maxirne plebejum vulgus difficile 
poterat ab errore gentili perfecte divelli, latenter ad avitas quasdam superstitiones 
colendas sese convertens. 
*** solcher diebstal aalt für erlaubt, nach dem gedieht von Servatius 2375 ff. 
stehlen Mastrichter den Sachsen des heiligen leichnam.
	        

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