Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
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GOTHEN 
Jetzt nach enthüllter lautverschiebung kann es nicht anders sein, 
als dasz das T des ersten namens gothisch zu TII, ahd. zu D, das 
D des zweiten hingegen gothisch zu T, ahd. zu Z werde; und so 
ist es bis auf einen einzigen fehler. Die Getae werden goth. Gufians, 
die Gaudae Gautös, alln. Gautar, ags. Geätas, .ahd. Közä. wer in 
diesem gleichlaufen der thrakischen Getae und Gaudae, der deutschen 
Gujians und Gautös die identität beider Völker nicht erwiesen sieht, 
ist geschlagen mit blindheit. unter Geten und Gothen sollte sich 
zwiefache namensbildung hervorgethan haben, wenn zweimal beide 
nicht dasselbe volk wären? 
Nur darin mangelt etwas dasz der name Getae nicht ganz zu 
recht verschoben wird, dasz die anlautende media haften blieb, wie 
in dags du (s. 421. 422), darüber habe ich mich genugsam ausge 
sprochen; warum sollte der an sich nachgibigere inlaut nicht auch 
Unregelmäßigkeit zulassen? vom verhalten des T und D in Getae 
Gaudae soll nachher die rede sein. Wie Tacitus eigentlich schreiben 
^,244- wollte, ob Gothones oder Gotones, das mögen die hss. der annalen 
1 J 2, 62 schlichten; eins wie das andre taugt in meine Vorstellung. 
das unlateinische TH durfte er inlautend wie anlautend (in Teuloni) 
meiden, man wird dann auch Germ. 45 Sitonis dem Silhones, und 
Nerlus dem Nerthus vorziehen müssen, liesz er aber in fremden namen 
dem TII sein recht, wie Plinius Sithonii, Scylhae u. s. w. schrieb, 
440 so übte er genauigkeit. Unter den Byzantinern setzte sich ror&oi 
fest, mit doppelter lingualis, nach griech. brauch ausgedrückt (s. 179. 
361); was im mittelalter die lat. Schreibung Gotthi zuweilen nach 
ahmt, obschon die bessere Gothi behält. 
Vielleicht blieb dies gr. jFot&oi nicht ohne einflusz auf den 
Schreiber des goth. calenders, wenn er das dem alln. Goddiod (oder 
Gofifiiod) entsprechende Gutjmula so ausdrückt, daraus ein Guts als 
echte gothische bezeichnung des namens folgern möchte ich nicht, 
glaube vielmehr dasz Ulfdas den namen seines volks mit f) schrieb, 
wie es auch bei Cassiodor vorauszusetzen ist. in den von VVaitz be 
kannt gemachten bruchstücken des Auxentius liest man s. 13. 19 
lingua gotica, daneben aber s. 14. 15. 20 gens Gothorum. das T 
steht nach lateinischer weise*, freilich schreiben die Angelsachsen im 
mer Gotan mit T wie Geätas und auch in der edda steht, neben jenem 
Goddiod, 177 b 272 a 273 a gotna (heroum, virorum), 233 a golnesk 
kona, bei Snorri 146 Gotland, wie sonst Gautar und Gautland. Ahd. 
sollte man nach der lautverschiebung im namen Gothi D erwarten, 
und wirklich begegnet in einer alten glosse Diut. 1, 236 a (Gralf 4, 
173) guti : gudi. ahd. Schriftsteller des 8. 9 jh. wüsten von den 
Gothen nichts lebendig, und nur aus lat. quelle; N. Bth. 4. 122 be 
hält sogar das lat. Gothi bei und wagt kein deutsches wort. Desto 
häufiger tritt in zusammengesetzten eigennamen das ahd. Köz oder 
* Ammians Fritigernus führt zurück auf goth. Frijiugaims oder ahd. Fri- 
dokern.
	        

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