Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

sches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
ter für die nachtigal als die krähende gackernde henne, welche auch in den ge- 
dichten nie so, vielmehr die bunte, fleckichte und blinde (blinzelnde) lieiszt. solam- 
pina, das ich auch nicht deutsch auslegen kann, gemahnt smich an den böhmi 
schen namen der henne slepice, d. i. die blinde, wenigstens folgen sich in bei 
den Wörtern die consonanten SLP auf gleiche weise; ich will noch eine malb. 
563 glosse mit einer östlichen spräche vergleichen, auf gans oder ente nemlich geht 
sundelino, sundulino, sundleno, nach Leo die pfulfrohe, von gal. sunnd froh und 
linne sumpf; den begrif des wassers oder schwimmens reichte umgekehrt unsre 
spräche in sund oder sumpf fiir das erste wort der Zusammensetzung dar. mir 
fällt wieder die seltsame einstimmung des lettischen sohsulens sohslens ansercu- 
lus auf (von sohss anser, litth. iasis, samog. zusis = poln. g^s, nhd. gans.) darin 
ist kein Widersinn, dasz die gleich allen andern Deutschen von osten hergezog 
nen Franken einzelne Wörter mit Litthauern und Slaven gemein gehabt haben 
können; es zeigte uns nur hohes alter der malbergischen spräche an, aber frei 
lich, dasselbe sundelino scheint auch den Sperber (sparvarius) zu glossieren, wo 
die Fulder hs. sucelin gibt, etwa dem sl. sokol — falke (s. 51) vergleichbar. 
Mich haben die glossen zum titel de basilica incensa et homicidiis clerico- 
rum (Lasp. 152. 153) angezogen, weil man hier, da keine entschieden christli 
chen Wörter auftreten, noch ältere heidnische wittert, bei den Worten si quis 
diaconum und presbyterum interfecerit steht malb. ‘theorgiae’ und theorzine , in 
der Sangaller hs. (Hattemer 365) in umgekehrter Ordnung bei presbyter theorzin, 
bei diaconus ‘theorgie’. es kann nur ein und dasselbe wort sein, das sich die 
glossenschreiber mit der Verschiedenheit des G und Z überlieferten, deren letzte 
res oft für ersteres gesetzt wird (z. b. in thunzinus f. thunginus.) in theorgkann 
ich nichts anderes sehn als d'eovQyös, einen der göttliche werke verrichtet, und 
es wäre zu ermitteln , wo und zu welcher zeit man sich theurgus für den geist 
lichen gestattete, wie die Angelsachsen sacerd', die Galen sagart aus sacerdos 
entnahmen. 
Für basilica erscheinen zwei ausdriicke in der Pariser und gewöhnlich mit 
ihr stimmenden Sangaller hs. (Lasp. 152. Hattem. 364) < alatrudjla , und 'chrotar- 
sino’, die Fulder hat ‘alutrude theotidio’ und anderwärts (Lasp. 51*) ‘chreotar- 
sino\ diese letzte form soll nach Leo 2, 18 bedeuten leichenhaus, von creadh 
leichnam und darsa haus; ich finde in keinem ir. oder gal. glossar, dasz creadh 
leichnam bezeichne, sondern nur erde, staub (wie angeblich in chrenechruda 
s. 556) und es scheint mir unerlaubt, mit Leo 2, 11 daraus den begrif des leibs 
und leichnams zu folgern, staubhaus klänge allzu poetisch oder christlich. Bei 
chrotarsino denke ich ans goth. hröt Scöfia, areyrj, bei alatrudua ans goth. alhs 
raös, ahd. alah ags. ealh (mythol. s. 57), und alatrudua für alactrudua könnte aus 
dem frauennamen Alahdrüt (vgl. Electrudis s. 537) erläuterung empfangen, der 
eine heidnische priesterin oder weise frau ankündet. 
Diese geringen versuche den schieier der malbergischen glosse, sei es auch 
. nur am untersten säum zu lüften lassen noch viel oder das meiste zu wünschen 
564 übrig; den einwurf mache ich mir selbst, dasz eine gute erklärung, wenn sie im 
einzelnen gelingt, hier auch im ganzen mehr ausreichen miiste. Leos'mut, der 
keiner Schwierigkeit auswich, nachzuahmen hatte ich jetzt nicht raum und ein 
groszer theil solcher Wörter bleibt von mir diesmal unangerührt, mein ziel ist 
erreicht, wenn ich formen, die allem Verderbnis zum trotz noch selbständig und 
alterthümlich dastehn, möglichkeit des Verständnisses aus unsrer eignen spräche 
aufrecht erhalte, und die keltischen deutungen, deren keine mir einleuchtet, nach 
dem sie mich lange gequält hatten, wieder abschiittle. ein altdeutsches verschlos 
senes denkmal begehrt auch deutschen Schlüssel, ja für den fast unglaublichen 
eindrang keltischer Wörter ins fränkische gesetz, liesze, so weit ich umschaucn 
kann, sich höchstens Procops seltsame meldung (b. goth. 1, 12) vom verein der 
Franken und Armoriker, die ihm yi^ßoQvyoi heiszen, geltend machen, er fällt 
aber schon in die christliche zeit, da doch das salische gesetz und die glosse 
heidnischen beischmack haben.
	        

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