Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

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DIALECTE 
lehren einzelne ausnalnnen des alul. vocalismus, dasz seine abweichung 
vom gothischen keine ursprüngliche ist. 
Allerdings ist die lautverschiebung das sicherste kennzeichen, wo 
ran sich hochdeutsche spräche von niederdeutscher unterscheiden läszt. 
auszer den Schwaben und Baiern sind auch Hessen, Thüringe und 
Langobarden hochdeutsch und man könnte überhaupt die dritte stufe 
des verschubs auf die Herminonen einschränken, alles was sächsisch, 
friesisch, scandinavisch, gothisch heiszt beharrt entschieden bei zwei 
ter stufe, also alle gothischen und ingaevonischen Völker, wahrschein- 
836 lieh auch die iscaevonischen und hurgundischen, obwol sich reinfrän 
kische und burgundische denlunäler nicht mehr aus der zeit erhalten 
haben, wo bei den herminonischen die Verschiebung um sich grif. 
Aber es gab eine zeit, wo die hochdeutsche Verschiebung noch nicht 
da war und alle deutschen dialecte auf der zweiten stufe standen, es 
gab eine noch frühere zeit, wo auch die zweite unentwickelt war, und 
alle deutschen consonanten zu den lateinischen stimmten. 
Innerhalb dieser einheit und Verschiedenheit hat sich die ganze 
geschichte deutscher spräche entfaltet, wir dürfen sechs bestimmt un- 
terschiedne zungen ansetzen, welche der schrift theilhaft geworden 
ihre eigenthümlichkeit behaupteten: die gothische, hochdeutsche, nie 
derdeutsche, angelsächsische, friesische und nordische, von ihnen ist 
die gothische ganz, ohne dasz etwas neueres an ihre stelle getreten 
wäre, erloschen, die hochdeutsche hat ihre lebenskraft und bildsam- 
keit bewährt und davon in drei Zeiträumen unverwerfliches zeugnis 
abgelegt; die niederdeutsche wurde zersplittert, man kann annehmen, 
dasz ihr edelster theil mit den Angelsachsen auszog, aus dem scliosz 
der angelsächsischen spräche aber erhob sich, mit starker einmischung 
des romanischen elements, verjüngt und mächtig die englische spräche, 
zur volksmundart herabgesunken ist der Friesen und Chauken spräche 
und ein gleiches gilt von einem groszen theil der altsächsischen, doch 
so, dasz aus den trümmern eines andern theils eine eigne niederlän 
dische zunge neu erstand, obschon diese nicht ganz mit der altsäch 
sischen grundlage zusammen zu fallen, sondern noch batavische oder 
fränkische stücke in sich einzuschlieszen scheint, deren genauere er- 
mittlung zu den einladendsten Untersuchungen gehören wird, die auf 
dem gebiete deutscher Sprachforschung zunächst bevorstehn. In Scan- 
dinavien sind sich altnordischer, schwedischer und dänischer dialect 
fast so zur seite gestellt, wie auf dem festen lande gothischer, hoch 
deutscher, niederdeutscher; man hätte besonders dort nach gründlicher 
auffassung des schwedischen und gothischen elements zu streben. Es 
haben sich also bis auf heute nur fünf deutsche sprachen auf dem 
837platz behauptet, die hochdeutsche, niederländische, englische, schwe 
dische und dänische, deren künftige Schicksale nicht vorausgesagt, viel 
leicht geahnt werden dürfen. Wie in den Völkern selbst thut sich 
auch in den sprachen, die sie reden, eine unausweichliche anziehungs- 
kraft der schwerpuncte kund, und lebhaft erwachte selmsucht nach 
festerer einigung aller sich zugewandten Stämme wird nicht nachlassen.
	        

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