Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
folgenden capitel darauf zurückkommen; aus dem mhd. und fast nhd. 
zwö und den mhd. -öt -öte -ön der schwachen conj. (gramm. 1, 957) 
sieht man, welche kraft der dauer in diesem vocallaut lag. 
Noch ein auffallenderes zeugnis sowol für die unursprünglichkeit 
des lautverschiebens als des vocalischen ausgangs der II praeterita star 
ker verba wurde s. 485. 487 geschöpft, und die ahd. scalt chanst 
u. s. w. weisen in hohes alterthum zurück. 
In unsrer heutigen spräche hallen die eigennamen Otto Hugo 
Poppo sogar ahd. gestalt fest; die mundart der Lötscher im Walliser 
land sagt noch bis auf diesen tag c dir jungro 5 (Stald. dial. s. 342) 
= ahd. der jungiro und ‘himil 5 (das. 343), aber neben vatir hruodir. 
einzelne Wörter und redensarten in der Schweiz klingen völlig notke- 
risch, z. h. dankeigist, dankeiget!* es sind alprosen, die unten nicht 
sprieszen. 
Dieser ausdruck ruft mir die gleichheit ahd. und ags. kräuterna- 
men in den sinn, proserpinaca heiszt ahd. wegapreitä, ags. veghraede; 
centaurea ahd. ertgallä, ags. eordgealle; abrotanum ahd. stapawurz, 
alts. stafwurt, ags. stäfvyrt; ahd. depandorn rhamnus ags. jiefejmrn 
(vgl. oben s. 232); ahd. metere (wol früher matarä) febrifugia (sumer- 
lat. 56. 57) ags. mädere ruhia, engl, madder, ich finde auch hei 
Renvall ein finnisches matara, mattara galium horeale; ahd. faram filix, 
ags. fearn, engl, fern, nnl. varen. Will man wähnen, ags. mönche84t 
hätten solche glossen verbreitet, so steht entgegen, dasz sich auch 
zwischen ahd. und altn., - zwischen ags. und altn. namen einstimmung 
findet, ahd. reinefano, tanacetum ist das schwed. renfane, ich glaube 
xavvaßig ayQia. c Pio/uaioi TZQ(.uvdhg, hei Diosc. 3, 56 ohne an- 
gabe eines dakischen worls. als unentlehnt zeigt sich die Übereinkunft 
ganz sicher, wo kleine Verschiedenheiten eintreten, z. b. altn. inistil— 
teinn lautet ags. misteltä, engl, misseltoe, jenes vom hegrif des zweigs, 
dieses vom verwandten der zehe gebildet. Unsere meisten pflanzen- 
namen sind schon zusammengesetzte, nicht abgeleitete Wörter, gleich 
heit der dialecte in Zusammensetzungen, die immer erst allmälich ent 
springen, scheint aber auf viel längere gemeinschaft hinzuweisen. 
Das belrift doch nur einzelnes, im groszen ist die eigenthüm- 
lichkeit aller deutschen sprachen wesentlich an zweierlei zu gewahren, 
an der neigung die stummen consonanten zu verschieben, wovon cap. 
XVII gehandelt wurde, und am ablaut, welchen das folgende capitel 
vornehmen soll. 
* bilder und sagen aus der Schweiz von Jeremias Gotthelf (Bitzius, pfarrer 
im Bernerland) Solothurn 1842- 1844. 2, 60. 5, 94.
        

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