Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
Mi 
SCHWACHE VERBA. 
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Gleich dem I und 
AE hervorgieng, also goth. AI sich zur seite hat. 
A stehn A und 0, EI und AI im ablaulsverhältnis. 
Wie treirend ist die gleichung gothischer, althochdeutscher und 
lateinischer wortgestalten: 
golli. vasja vasida. fiskö fisköda. haha habaida 
ahd. weriu werita. fiscöm fiscöta. hapern hapöta 
lat. vestio vestivi. pisco piscävi. habeo habui 
ich habe mir gestattet für piscari das ungebräuchlich gewordne piscare 
aufzustellen, goth. haba steht für habaia, lat. habui für habövi, wie 
delövi zeigt, die ahd. formen halten das kennzeichen der ableitung 
am treusten fest; es wäre überflüssig auch die der übrigen und jün 
geren sprachen anzuführen, in welchen das characteristische der vocale 
schwindet oder zusammenfallt. 
Doch eine lücke ist schon in der ältesten deutschen und latei 
nischen conjugation vorhanden, die man sich erfüllt denken könnte, 
wie mit dem ablaut AI, sollten auch mit dem ablaut AU verba abge 
leitet sein, deren praesens goth. -a für -aua, das praet. aber -auda 
flectieren würde, im latein hätte das praes. -oo, das praet. -övi zu 
lauten, weil auch hier der Verengung des Al in E eine des AU in Ö 
ähnlich eingetreten sein dürfte. 
In dieser Vermutung bestärkt mich die griechische spräche, deren 
drei schwache conjugationen auf den characteristischen lauten Ä £ 0 879 
beruhen, von welchen das letzte, nämlich co Verengung des ov scheint, 
mithin jenem AU entspräche, ti/uuio Ttn'/urjxa steht für rerifxaxa. 
(piXeio ntcpiXrjxu vergleicht sich dem lat. habeo habui. yjivooco xe- 
yQvocoxa würde einem lat. -oo -övi zur seite stehn. liier mangeln 
also die mit I abgeleiteten verba; es wäre unpassend das E in (fiXtco 
aus I zu deuten, da das H in (fiXrjOco necpiXyxa deutlich auf die dem 
lat. E in delevi entsprechende länge weist. 
Unsere ableitungen mit I sind grüsztentheils transitiva, die aus 
den praeteritis starker verba entspringen, wogegen die mit Ö und AI 
abgeleiteten in der regel verba intransitiver und neutraler bedeutung 
umfassen. Das latein hat aber oft transitiva auf are : domare doinui, 
goth. tamjan tamida; nominare nominavi, goth. namnjan namnida. 
So verhält es sich mit den ableitungsvocalen; ich schreite fort zu 
den consonanten des practeritums. 
Wie vom ablaut des sg. praet. gewöhnlich zu einem andern des dual, 
und pl. übergegangen wird, welcher sich hernach im ganzen conj. behauptet. 
nam 
nömu 
nenmm 
namt 
nömuts 
nömufi 
nemun 
nemjau 
nömeiva 
nemeina 
nemeis 
nemeits 
nemeij) 
nemi 
nemeina 
so musz die gesamte schwache conjugation, weil ihr, wie vorhin ge 
sagt wurde, ein starkes verbum hilfe leistet, denselben typus an sich 
tragen; ihr wird angehängt im gothischen: 
-da 
-dödu 
-dödum 
-des 
-döduls 
-deduf» 
-da 
-dedun 
-dfidjau 
-dedeiva 
-dedeima 
-dödeis 
-dedeits 
-dedeij) 
-dedi 
-dedeina 
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. 4^. MK ■
	        

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