Volltext: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
SCHWACHE VERBA 
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Selbst den romanischen sprachen ist die eingefleischte analogie 
nicht ganz erloschen, dare und stare bilden das ital. praet. detli oder 
diedi pl. dettero; stetti pl. stettero, ganz wie lat. deili und steli, und 
neuer beweis dafür, dasz in diesem nicht reduplication obwalte, welche 890 
der romanische sprachgeist überhaupt von sich ausgeschlossen hält. 
An den platz von ire ist aber ein seltsames andare getreten, dessen 
praet. wiederum andetti oder andiedi, pl. andettero lautet, wie im span, 
früher andido pl. andidieron, andodieron (Diez 2, 149.); prov. anei 
anieron, wie dei = dedi, estei = steti. hierbei könnte nun leicht 
einflusz des goth. iddja oder auch hlosz analoge anwendung des Suf 
fixes diedi «= dedit walten, dann schiene aber auch schon dem span, 
praesens ando auxiliäres do und dare verwachsen, aufzuhellen bleibt 
nur das vorausgellende an oder vielleicht and, wobei zunächst ans lat. 
vadere zu denken ist, wie sich im praes. beide formen vertheilen: it. 
vo, vai, va, andiamo andate vanno; prov. vauc, vas, va pl. anam anatz 
van. and für vand könnte sich zu vad und vo wie standa zu stöf> und 
sto verhalten; möglicherweise kann hei anar das baskische noa eo in 
betracht kommen, auch die abweichung des franz. aller fällt auf, des 
sen abkunft aus ambulare unwahrscheinlich ist. 
Im roman. estar berühren sich esse stare und exstare exsistere, 
wie gr. ei fit und eif.it einander nahe treten *. 
Ich musz noch einmal auf den hegrif des thuns kommen, ihn 891 
drückt die altn. spräche durch gera aus (schwed. göra, dän. giöre), 
was dem ahd. karawan parare, mlul. gerwen, nhd. gerben, in dem 
eingeschränkten sinn von parare corium entspricht, gerade so hat das 
goth. taujan tavida den allgemeinen sinn von agere, facere, das ags. 
tävian, ahd. zouwan zouwita den engeren von parare. das ahd. machön 
alts. macön, ags. macian bedeutet facere, struere und entgeht der goth. 
Wie altn. spräche; noch heute unterscheiden wir machen facere von 
thun agere. allen unsern sprachen eigen ist goth. vaurkjan, ahd. wur- 
chan, ags. vyrcean, altn. yrkja operari. 
Ist aber goth. taujan der Wurzel nach verwandt mit ahd. tuon, 
ags. dön? und wird in tavida tavidßdum die eigne wurzel suffigiert? 
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1 fr 
* es ist anziehend noch andere seltsame ausdrücke der alten spräche für den 
begrif des gehens zu bemerken. Ulfilas gebraucht auszer snivan vnayeiv, cpd'ä- 
veiv (vgl. altn. snüa vertere) einmal auch Marc. 2, 23 skevjan für oSov notelv. 
mit diesem skövja eins sein musz das ags. ford scio proficiscor, welches auszer 
Caedm. 67, 20 wieder nicht vorkommt; aber es mag darin auch die noch unent- 
hiillte wurzel des goth. sköhs calceus, altn. skör, ahd. scuoh, ags. sceo stecken, 
schuh ist das, worauf man geht, wie calceus von calcare terram, oder das poln. 
chodaki pl. bastschuhe von chodzic gehen stammt. Die goth. spräche hat kein 
dem alts. giwltan giwöt, ags. gevitan gevät entsprechendes gaveitan, gavait für pro- 
ficisci; einige ahd. mundarten, namentlich T. zeigen jedoch arwizan arweiz disce- 
dere (Graff 1, 1116) und auch das Hild. lied hat gihueit discessit. zwischen die 
sem veitan vitan ire und vitan scire musz Zusammenhang obwalten; ohne zweifei 
gehört dazu auch das ags. viton uton und mnl. weten, welche sich mit infinitiven 
verbinden und ein imperativisches eamus, agamus ausdrücken (gramm. 4, 89. 
90. 944.) 
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