© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 79
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darf kein Zweifel gehegt werden, daß die Scalden,
ein besonderes Amt bekleidend, eine besondere Claße bildeten,
daß sie Gesetze hakten für ihre Poesie, und eine
Kunst übten: *) diese Lieder aber sind nach mündlichen
Ueberlieferungen ohne eine besondere Kunst vom
Volk erhalten, und von jedem poetischen Gemüth neu
gesungen und gedichtet worden. Beide haben zwar in
den Sagen einen gemeinschaftlichen Gegenstand, durch
den Sinn aber, womit sie ihn behandelt, trennen sie
sich wieder von einander. Dieser Sinn indeß gibt der
Dichtung den Charakter, und theilt, gleichsam die Luft
worin sie athmet, eigne Natur, Gestalt und Leben
mit; man halte einmal, um aus neuer Zeit ein Beispiel
zu geben, eine moderne Bearbeitung des Nibelungen
Lieds in Stanzen, wie an mehreren Orren Proben
gegeben sind, gegen das Original: es ist nichts
ausgclaßen, kein Zug der Geschichte fehlt, aber wenn
ich jenes mit einem großen Strom vergleiche, der herannaht,
brausend in lebendigen Pulöschlagen, und sich
langsam fortwälzt, die ganze Welt zu durchziehen; so
gleicht die neue Manier einer Wasserkunst, dre den lebendigen
Strom durch dünne Röhren preßt, und ihn
*) Der Sealde Sigvatur war so geschickt in der Skaldenkunst (Skalld,-fkapur),
daß seine Zunge so leicht darin sang, als sie sonst redete.
Heimskringla VII. c. 170. Es fehlte auch nickt an Kunststücken. Der
Sealde Hallfredur machte eine achtzollige Strophe zum Dank iür ein
Schwert, die ganz mit einem Buchstaben alliterirt ist, und wo in je
der Zeile das Wort Schwer: vorkommt. Heimskrmgla Vj. c. 09.
Ueber andere Künstlichkeiten der Scalden sehe man Lhre's Briefe in
Schlözers Islärid. Literatur und Uno von Troils Reife.