Volltext: Altdeutsche Waelder. - Band 3

©  Hessisches  Staatsarchiv  Marburg,  Best.  340  Grimm  Nr.  L  394

48  Ueber  die  Kerlingische  Ahnmutter  Berta.
chen  Gestalt  ungeachtet  nicht  ablegen  darf.  So  muß
Melusine.an  gewißen  Tagen  ihren  Syrenenleib  annehmen ­
  ;  nach  einem  deutschen  Märchen,  trägt  die  Wasserjungfer, ­
  die  aus  der  Elbe  kam,  die  schönsten,  reinsten ­
  Kleider  ,  aber  wer  acht  gibt,  kann  sie  daran  erkennen ­
  ,  daß  ein  Zipfel  ihrer  weißen  Schürze  naß
bleibt.  An  diesem  Gänsfuß  erweist  sich  das  Alterthum
des  Mythus  der  Königin  Berta  sehr  merkwürdig.  Jene ­
  Gedichte,  worinnen  der  Bertire  au  grand  pied  gedacht ­
  wird,  reichen  nicht  über  das  zwölfte  Jahrhundert; ­
  viel  älter,  und  noch  von  niemand  damit  zusammengestellt ­
  ,  ist  die  Tradition  von  einer  Königin
G  a  n  s  f  u  ß  ( reine  Pedoque  ,  regina  pede  aucae  )
deren  Bildsäule  an  verschiedenen  alten  Kirchen,  als
an  8 .  Benigne  zu  Dijon  und  St.  Poureain,  Nesle
und  Revers  angebracht  war.  Allein  auch  hier  zeigt  uns
ein  deutsches  Ammenmärchen  das  Ineinandergreifen
der  entwickelten  Ideen,  indem  es  den  breiten  Fuß,
der  aus  der  Schwangestalt  übrig  ist,  aus  dem  Treten
des  Spinnrads  erklärt  *).
Hier  streift  die  Fabel  wieder  aus  dem  edeln  in
das  häßliche;  es  führt  aber  zu  einem  neuen  Aufschluß
hin.  Die  eine  Spinnerin  hatte  sich,  wie  erzählt  wird,
durch  das  viele  Netzen  des  Flachses  eine  lange  Nase
gesponnen  und  nun  heißt  in  einem  altdeutschen  Gedicht ­
  **)  die  kinderschreckende,  böse  Berta:  Bärchte
L  a  n  g  n  a  s.  Von  dieser  gibt  es  noch  heut  zu  Tag  mancherlei ­
  Sagen,  sie  tritt  als  Kinderberta  und  Frau  Holle
zu  faulen  Spinnerinnen  und  straft  sie,  ober  nach  jenem ­
  altdeutschen  Gedicht  drückt  sie  Nachts  Gesinde  und
Kinder,  die  ihre  Speise  nicht  rein  aufgegessen  haben.
In  der  Wiener  Handschrift  desselben  Gedichts  heißt
sie  „Frau  Stempe"  welches  man  vielleicht  von  stampfen, ­
  drücken  oder  treten,  wie  der  Alp  thut,  zu  verstehen ­
  hat.  Daß  diese  Berte  Languas  dieselbe  mit  Berte ­
  Langfuß  sey,  scheint  mir  endlich  auch  deshalb  ausser ­
  Zweifel,  weil  hnefi  im  ist.  Nase,  Faust  und
Hand  bedeutet;  Schwan,  Gans  und  Ente  aber  namentlich ­
  das  Schnabelthier  heißen.  Z.  B.  der
Schwan  in  der  Edda  Andhyrna  (Entenschnabel).£
)  Vgl.  Kindermärchen  Bd.  r.  no  14  und  Ansitze  dazu.  Die
drei  allen  Weiber  sind  offenbar  die  drei  Par.en.
**)  Hägens  Grundriß  S.  ViwÄ*  :
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