Full text: Lateinische Gedichte des X. und XI. J[ahr]h[underts]

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her aber aus dem reim entnahm. ein gedieht von 
Walthari, wie es sangaller mönchen noch bekannt sein 
konnte, nuifs in einer von beiden weisen erklungen 
sein. Wer der äufseren Veränderung unseres epos von 
da bis zum Schlüsse des zwölften jh., weil die quelle 
versiegt ist, im geiste noch nachspüren will, hat zweier 
lei anzuschlagen , die minderung der langzeile um zwei 
hebungen, und die Verlegung des reims aus der cäsur. 
Dafs der silbenzahl und den hebungen allmäliclier 
abbruch geschah, lafst sich begreifen aus der vorschrei 
tenden Schwächung und stümpfung der ableitungen und 
flexionen. gesetzt, im munde der sänger wären alle 
einzelnen ausdrücke und Wörter einer epischen zeile 
treu durch den lauf der jahrhunderte fortgetragen wor 
den ; wie viel voller und mächtiger hätte sie im neun 
ten als im zwölften jh. tönen müssen, die tradition 
mochte sich hin und wieder auf alterthümliche formen 
erstrecken, das ganze konnte sie nicht vor einer gewis 
sen Verdichtung und Zusammenschrumpfung bewahren. 
Der althochdeutsche vers weifs von keinem eigentlich 
klingenden reim, nur von stumpfem; den klingenden 
begründet eben, dafs bei langer penultima der accent 
der letzten silbe geschwächt und der hebung unfähig 
wird, eine menge zweisilbige reime, die bei Otfried 
zwei hebungen trugen, gestatteten der mittelhochdeut 
schen dichtkunst blofs eine, ln den Nibelungen hat die 
langzeile meistens nur sechs hebungen, für jeden theii 
drei, im ersten wirkte der klingende einschnitt auf Un 
terdrückung einer hebung hin, beim zweiten forderte 
sie dann die durch gesang oder recitation bedingte 
gleichmäfsigkeit. nach silben berechnet (was viel un 
sicherer ist) würden sich gewöhnlich sieben für die 
erste, fünf für die zweite halbzeile finden, also jene, 
nicht diese vorherschen. dies alles setzt vielfache än~
	        

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