Volltext: Gudrun

«St  XLIl

mag  fichs  mit  Heer  (harjis)  gemilcht  haben;  wo  nicht  ältere  Formen
vorliegen,  wie  z.  B.  Hariolt  neben  Heriolt,  läfst  fich  difs  nicht  entfcheiden.
  Hairus  bedeutet  Schwert,  und  fo  wäre  denn  Horand  (Hernand,
  goth.  Hairu-nanths?)  der  Schwertkühne,  paffende  Benennung  für
den  der  den  Auftrag  hat  nach  Hilde  den  Raubzug  zu  thun.  Der  Zug
dafs  in  unferer  Sage  mehr  feine  Sängerkunft  hervortritt,  gehört  ficher
einer  andern  Zeit  an  als  die  Wahl  des  Namens:  entweder  einer  fpäteren
die  den  Horand  nicht  mehr,  oder  einer  früheren  die  ihn  noch  nicht  als
gewaltfamen  Räuber  auftreten  liefs.
Aufser  Horand  hat  fich  die  Geftalt  des  Räubers  noch  andere  zugefeilt. ­
  In  Gd  II  ragen  aus  ihnen  die  beiden  hervor  die  dem  Horand  bei
Entführung  der  Hilde  beiftehn:  Wate  und  Fruote,  beide  wohl  erft  fpäter
aus  andern  Sagen  hieher  entlehnt.  Wate  ift  nach  der  Wilkina-Saga
(Cap.  18  und  ff.),  wo  er  Vadi  (Wadi)  genannt  wird,  ein  Riefe,  [der  Sohn
des  Vilkinus  von  einer  Meerfrau,  die  nach  dem  Lied  von  der  Ravenna-Schlacht
 1  Waghilde  (Wäc-hilt)  heifst,  und  Vater  Velinds  (Wielands),
Grofsvater  Wittichs.  Hinfichtlich  der  Wildheit,  die  in  der  Gudrun  fo
ftark  hervortritt,  fagt  die  Wilkina-Saga  zwar  er  habe  die  rauhen  Sitten
feiner  Mutter  gehabt;  übrigens  erfcheint  er  in  feinem  Wohnfitze  Seeland
vollkommen  friedlich,  und  nur  beforgt  dafs  fein  Sohn  Wieland  das
Schmiedehandwerk  gut  erlerne.  Kriegerisch,  wie  in  der  Gudrun,  zeigt
fich  Wate  nur  noch  im  Gedichte  von  Dieterichs  Flucht,  wo  er  einer  von
Ermenrichs  Tapferften  ift,  löwengrimm  heilst,  aber  von  Dietleib  erfchlagen
wird. 2  Von  feiner  übermenfchlichen  Herkunft  find  in  der  Gudrun  noch
mehrere  Spuren:  er  hat  die  Kraft  von  26  Männern  (1469),  ift  eine  Geftalt
die  Entfetzen  einflöfst  (1510),  kennt  in  der  Rache  kein  Erbarmen  (1503),
fo  dafs  er  fogar  die  Gudrun  mit  dem  Tode  bedroht  (1520),  fügt  zu  feiner
Graufamkeit  noch  den  Spott  (1528).  Vor  allem  gehört  hieher  fein  Horn,
deffen  Schall  fo  ftark  ift  dafs  man  es  30  Meilen  weit  hört  (1392),  dafs
die  See  davon  fchäumend  wogt,  und  die  Mauern  der  feindlichen  Burg
brechen  möchten  (1394);  das  wilde  Weib  von  dem  er  die  wunderbare
Heilkunft  gelernt  hat  (529),  ift  ohne  Zweifel  feine  Mutter  Waghilde.
Fruote,  d.  i.  der  Weife,  erfcheint  bei  Snorro  3  unter  dem  Namen
1  Str.  964  ff.,  nach  dem  Abdruck  im  zweiten  Theil  von  Hägens  und  Primiffers  Ileldenbuch.
2  Im  zweiten  Theil  von  Hägens  und  Büfchings  Heldenbuch.  Z.  6270.  6690  ff.  Die  Vergleichung ­
  mit  einem  Löwen  (3940)  hat  auch  unfer  Gedicht  (Str.  1397).
3  Snorra-Edda,  ütgefinn  af  Rask.  Stockhölmi  1818.  —  S.  146.
	        
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