Volltext: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

sches  Staatsarchiv  Marburg,  Best.  340  Grimm  Nr.  Z4

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des  richtigen  Wortes  verabfolgt,  oder,  falls  mehrere  Mitbewerber
erfolgreich  gewesen,  unter  sie  gleichmäßig  verteilt.  In  einem  Falle
erhielt  der  Löser  des  richtigen  Wortes  nicht  weniger  als  600  Pfund
Sterling  für  seinen  Einsatz  von  einem  Schilling!  Man  kann  sich
nicht  wundern,  daß  mit  einer  solchen  Glückschance  in  Aussicht
plötzlich  die  ganze  Bevölkerung  der  englischen  Hauptstadt  von  der
Spielwut  man  kann  dafür  doch  keinen  anderen  Ausdruck  finden
ergriffen  wurde.  Im  Eisenbahnwagen,  im  Omnibus,  im  Tram,
überall  sah  man  die  bezeichnete  Wochenschrift  in  den  Händen  der
Passagiere,  die,  mit  Bleistift  und  Papier  versehen,  auf  dem  Hinoder ­
  Herwege  nach  oder  von  der  City,  nur  das  fehlende  Wort  und
die  Glücksgöttin  buhlten.  Den  Buchhändlern  katn  die  Spielwut
des  Publikums  insofern  zu  gute,  als  letzteres  auf  Wörter-  und
Nachschlagebücher  wie  besessen  schien.  Das  „fehlende  Wort"  selbst
wurde  vom  Redakteur  festgesetzt  und  in  einem  versiegelten  Briefumschlag ­
  Wochen  zuvor  einer  Vertrauensperson  übergeben,  sodaß
jedweder  Betrug  ausgeschlossen  war.  Die  Zeitung  machte  solch  herrliche ­
  Geschäfte,  daß  sich  auch  andere  Kapitalisten  auf  das  Herausgeben ­
  von  ähnlichen  Blättern  verlegten,  die  wie  Pilze  in  die  Höhe
schossen.  Zur  Abwechselung  boten  sie  den  Lesern  ein  Haus,  eine
Möbelausstattung  oder  ein  Jahreseinkommen  von  50  Pfund  Sterling ­
  als  ersten  Gewinn  an.  Trotz  des  Gesetzes  schien  auf  diesem  Wege
das  Lotteriespiel  hier  doch  festen  Fuß  gefaßt  zu  haben;  aber  ganz
unmerklich  zog  sich  das  Gewitter  über  den  Häuptern  der  besagten  Zeitungseigcntümer
  zusammen.  Zuerst  wurden  im  Parlamente  Fragen
an  die  Regierung  über  die  Gesetzlichkeit  solcher  Gewinnverteilungen
gestellt;  dann  folgten  „Briefe  an  den  Herrn  Redakteur"  in  den
großen  Tagesblättern,  in  denen  die  Schreiber  allesamt  Stellung
gegen  dieses  Glücksspiel  nahmen  und  es  unmoralisch  nannten,  und
endlich  sah  sich  der  „Kronanwalt"  veranlaßt,  deut  Drucke  der  öffentlichen ­
  Meinung  nachzugeben  und  dcit  Eigentümer  der  zuerst  erwähnten ­
  Wochenschrift  wegen  llebertretung  des  Lotteriegesetzes
zu  verklagen.  Die  Richter  entschieden  im  Sinne  der  Anklage,
und  die  „missing  word  competition“  mußte  eingestellt  werden  —
zur  großen  Entrüstung  der  Teilnehmer,  zur  großen  Freude  der
„Buchmacher",  denen  durch  die  Konkurrenz  der  Zeitungen  mancher
Schilling  entgangen  war.  Wie  umfangreich  die  Kundschaft  dieses
Wochenblattes  war,  bewies  die  Thatsache,  daß,  während  der
Prozeß  noch  schwebte,  über  1000  Pfund  Sterling  in  Schillingen
einliefen.  Der  Redakteur  wurde  nun  gezwungen,  diese  20  000  Schillinge ­
  einzelit  an  die  Eigentümer  zurückzusenden.  Etwa  50  Pfund
Sterling  wurden  unter  die  Hospitäler  verteilt,  da  die  Einsender
nicht  zu  ermitteln  waren.
Auf  diese  Art  in  die  Enge  getrieben,  begnügen  sich  jetzt  jene
Blätter  dainit,  nun  jedem  Leser  eilte  Lebensversicherungspolice  für
100  bis  1000  Pfund  Sterling  zu  schenken,  die  in  kraft  tritt,
falls  er  auf  der  Eisenbahn,  dem  Dampfer,  im  Omnibus  oder  auf
der  Pferdebahn  sein  Leben  durch  einen  Unfall  einbüßen  sollte;
selbst  für  deit  Verlust  von  Arm  oder  Bein  erhält  er  eine  entsprechende ­
  Entschädigung.  Nur  die  Eisenbahnbediensteten  sind  von
dieser  philanthropischen  Einrichtung  ausgeschlossen,  da  in  dieser
Beziehung  das  Risiko  zu  groß  ist;  entfallen  doch  neun  Zehntel  der
Unfälle  auf  den  englischen  Eisenbahnen  mit  tödlichem  Ausgange
auf  diese  Personen.
Als  letztes  Beispiel  der  Strenge,  mit  der  in  England  alles,  was
einer  Lotterie  ähnlich  sieht,  unterdrückt  wird,  sei  noch  der  Fall
eines  armen  italienischen  Zuckerbäckers  erwähnt,  der  schwer  bestraft
wurde,  weil  er  seine  Kundschaft  unter  den  Kindern  auszubreiten
suchte,  indem  er  in  jede  zehnte  Zuckertüte  ein  Fünfpencestück
einwickelte.
Trotz  alledem  aber  ist  der  Engländer  nicht  besser  als  seine
Nachbarn,  und  sowohl  iin  feinen  Westend  der  Stadt  wie  int  übervölkerten ­
  Ostend  giebt  es  Spielklubs  in  Menge,  und  keine  Woche
vergeht  ohne  eine  Klubrazzia.  Doch  im  Vergleiche  mit  den  Wettklubs
ist  man  berechtigt,  den  Spielklnbs  eine  nur  untergeordnete  Rolle
zuzuerteilen.  Noch  niemand  hat  bis  jetzt  berechnet,  wie  viele  Millionen ­
  Pfund  Sterling  jährlich  der  Engländer  int  Wetten  ausgiebt,
weil  dies  wohl,  der  Natur  der  Sache  nach,  unmöglich  ist;  da  aber
ein  Rechenkünstler  nachgewiesen  hat,  daß  die  englische  Nation  jährlich ­
  über  50  Millionen  Pfund  Sterling  am  Sport  im  allgemeinen
verschwendet,  dürfte  die  Gesamtsumme  die  aller  Lotterien  Europas
übersteigen.  Das  Wetten  hat  sich  im  Volke  zur  wahren  Leidenschaft ­
  ausgebildet,  der  alle  Schichten  eifrig  ergeben  sind.  Man
braucht  nur  am  Vorabende  eines  wichtigen  Wettrennens  in  ein

Wirtshaus  zu  gehen,  um  sich  von  der  Wahrheit  dieser  Behauptung
zu  überzeugen.
Obwohl  ans  einer  Tafel  die  Warnung  zu  lesen  ist:  Betting
is  strictly  prohibited  (Wetten  ist  streng  verboten)  schert  sich  niemand
  um  dieses  Verbot,  das  nur  pro  formn  an  der  Wand  —
hoch  über  den  Köpfen  der  Gäste  —  prangt.  Der  Hauptgegenstand
der  Unterhaltung  ist  die  Frage:  welches  Pferd  hat  morgen  die
besten  Chancen?  Stundenlang  lvird  dieses  Thema  erörtert,  und,
tnit  jedein  eintretenden  Besucher,  fängt  die  Unterhaltung  wieder  von
vorn  an.  Deut  Beobachter  kann  es  dabei  nicht  entgehen,  daß  sich
in  der  Gesellschaft  gewöhnlich  ein  „Buchmacher"  befindet,  ein  Agent,
dein  die  Gäste  Papierfireifcn,  auf  dcneit  der  Name  eines  Pferdes
geschrieben  ist,  mit  dem  Einsätze  einhändigen  und  der  ihnen  dagegen ­
  nach  Verlauf  des  betreffenden  Rennens  deit  etwaigen  Gewinn
auszuzahlen  hat.  Das  Gesetz  verbietet  das  Buchmachen  und  das
Wetten;  und  das  Einsetzen  wird  daher  heimlich  betrieben,  soweit  es
eben  die  Oeffentlichkeit  des  Wirtshauses  zuläßt.  Dabei  kann  es
vorkommen,  daß  sich  ein  Buchmacher  durch  einen  Geheimpolizisten
bethören  läßt  und  dessen  Wette  annimmt.  Der  Buchmacher  wird
daitit  vor  Gericht  gestellt  und  zu  einer  hohen  Geldstrafe  verurteilt.
Es  fällt  ihm  aber  nicht  schwer,  dieselbe  zu  zahlen,  denn  sein  Geschäft ­
  ist  meist  ein  so  lohnendes,  daß  er  an  einem  einzigen  Rennen
40  bis  50  Pfund  Sterling  erzielen  kann.  Es.  kommt  auch  vor,
daß  der  Herr  Wirt  in  Person  ein  „Buch"  macht;  wird  er  aber
ertappt,  so  läuft  er  Gefahr,  die  Ausschankerlaubnis  zu  verlieren.
Andere  Buchmacher  betreiben  ihr  Geschäft  an  den  Straßenecken,
etablieren  sich  als  Barbiere,  Zeitungshändler  :c.  und  folgen  unter
dieser  Decke  ihrem  Berufe.  Diese  kleinen  Buchmacher  beschränkeit
meistens  den  Gewinn  auf  kleinere  Summen;  doch  kommt  es  vor,
daß  nach  einem  Renntage  utehrere  Dutzende  dieser  Herren  plötzlich
ihre  Läden  schließen  und  das  Weile  suchen,  weil  sie  hohe  Wetten
mit  dem  Pnblikutn  auf  ein  Pferd  eingegangen  waren,  das,  der
allgemeinen  Meinung  nach,  nicht  die  geringste  Aussicht  ans  Sieg
hatte,  trotzdem  aber  als  erstes  am  Ziel  anlangte.  Sie  sind  somit
bankerott;  da  aber  das  Gesetz  die  Wettschulden  nicht  anerkennt,
müssen  sich  die  Gläubiger  der  Buchmacher  begnügen,  ihren  Läden
die  Fenster  einzuschlagen.  Ein  solcher  Gläubiger  eilte,  nachdem
er  den  Sieg  seines  Pferdes  vernommen  hatte,  an  demselben  Tage
mit  Kind  und  Kegel  nach  einem  Seebad,  um  dort  die  Früchte
seiner  Wette  zu  genießen.  Erst  nach  seiner  Rückkehr  erfuhr  er,  daß
sein  Buchmacher  verschwunden  war,  ohne  einen  Pfennig  auszuzahlen, ­
  und  er  sonach  seine  Rechnung  ohne  den  Buchmacher  gemacht ­
  hatte!
Die  großen  Buchmacher  schließen  ihre  Wetten  im  Wettklub
ab;  die  meisten  gehören  zum  Albertklnb,  der,  vor  30  Jahren  gegründet, ­
  über  7000  Mitglieder  zählt,  oder  zu  „Tattersalls".  Bis
vor  kurzein  hatte  eine  große  Anzahl  Buchmacher  ihren  Wohnsitz
in  Calais  tind  Boulogne-sur-mer:  von  dort  durch  die  französische
Regierung  vertrieben,  sind  sie  nach  Holland  geflüchtet,  von  wo  aus
sie  mit  England  deit  regsten  geschäftlichen  Verkehr  unterhalten.
In  einer  intimen  Plauderei  gestand  jüngst  der  Chef  einer  dortigen
Buchmacherfirma,  daß  ein  Pferd  für  ein  einziges  Wettrennen  in
seinen  Büchern  mit  30  000  Pfund  Sterling  eingeschrieben  war,
lvährend  eine  zweite  Firma  in  sechs  Monaten  34  000  Wetten  abschloß ­
  und  ein  Jahreseinkommen  von  5000  Pfund  Sterling  hatte.
Neuerdings  konktirrieren  Damen  mit  den  Straßenbuchmachern  tind
erfreuen  sich  lebhaften  Zuspruchs.  So  blüht  das  Buchmachen,
obwohl  vor  kurzem  ein  Londoner  Polizeirichter  die  ganze  Sippschaft ­
  der  Buchmacher  als  „einen  Fluch  für  die  Gesellschaft"
bezeichnete.
Tie  tolle  Wettsucht  hat  noch  eine  eigenartige  Klasse  von  Geschäftsleuten, ­
  die  sogenannten  ..tipsters“,  auf  Deutsch  Wettpropheten, ­
  gezeitigt.  Sie  behaupten,  genau  das  Pferd  voraussagen
zu  können,  das  in  jedein  eiitzelnen  Rennen  gewinnen  wird,  und
sind  bereit,  das  Publikum  itt  das  Geheimnis,  gegen  entsprechendes
Honorar,  einzuweihen.  Gewöhnlich  abonniert  der  Wettende  auf
sechs  Monate  und  wird  dann  telegraphisch  täglich  auf  dem  Laufenden ­
  gehalten.  Diese  Propheten  verlegen  sich  auch  auf  das  Annoncieren, ­
  um  die  Gimpel  zu  fangen,  und  einer  dieser  „tipsters“,  der
wöchentlich  lOOPfllttd  Sterling  für  Annoncen  in  den  Sportszeitungen
ausgab,  war  imstande,  sich  nach  18  Monaten  mit  der  schönen  Summe
von  15  000  Pfund  Sterling,  die  er  sich  durch  seine  Prophezeiungen
erworben,  ins  Privatleben  zurückzuziehen.  Mannigfach  sind  die
Kniffe,  deren  sich  die  ..tipsters“  bedienen,  tun  das  Publikum  an-
	        
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