sches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4
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des richtigen Wortes verabfolgt, oder, falls mehrere Mitbewerber
erfolgreich gewesen, unter sie gleichmäßig verteilt. In einem Falle
erhielt der Löser des richtigen Wortes nicht weniger als 600 Pfund
Sterling für seinen Einsatz von einem Schilling! Man kann sich
nicht wundern, daß mit einer solchen Glückschance in Aussicht
plötzlich die ganze Bevölkerung der englischen Hauptstadt von der
Spielwut man kann dafür doch keinen anderen Ausdruck finden
ergriffen wurde. Im Eisenbahnwagen, im Omnibus, im Tram,
überall sah man die bezeichnete Wochenschrift in den Händen der
Passagiere, die, mit Bleistift und Papier versehen, auf dem Hinoder
Herwege nach oder von der City, nur das fehlende Wort und
die Glücksgöttin buhlten. Den Buchhändlern katn die Spielwut
des Publikums insofern zu gute, als letzteres auf Wörter- und
Nachschlagebücher wie besessen schien. Das „fehlende Wort" selbst
wurde vom Redakteur festgesetzt und in einem versiegelten Briefumschlag
Wochen zuvor einer Vertrauensperson übergeben, sodaß
jedweder Betrug ausgeschlossen war. Die Zeitung machte solch herrliche
Geschäfte, daß sich auch andere Kapitalisten auf das Herausgeben
von ähnlichen Blättern verlegten, die wie Pilze in die Höhe
schossen. Zur Abwechselung boten sie den Lesern ein Haus, eine
Möbelausstattung oder ein Jahreseinkommen von 50 Pfund Sterling
als ersten Gewinn an. Trotz des Gesetzes schien auf diesem Wege
das Lotteriespiel hier doch festen Fuß gefaßt zu haben; aber ganz
unmerklich zog sich das Gewitter über den Häuptern der besagten Zeitungseigcntümer
zusammen. Zuerst wurden im Parlamente Fragen
an die Regierung über die Gesetzlichkeit solcher Gewinnverteilungen
gestellt; dann folgten „Briefe an den Herrn Redakteur" in den
großen Tagesblättern, in denen die Schreiber allesamt Stellung
gegen dieses Glücksspiel nahmen und es unmoralisch nannten, und
endlich sah sich der „Kronanwalt" veranlaßt, deut Drucke der öffentlichen
Meinung nachzugeben und dcit Eigentümer der zuerst erwähnten
Wochenschrift wegen llebertretung des Lotteriegesetzes
zu verklagen. Die Richter entschieden im Sinne der Anklage,
und die „missing word competition“ mußte eingestellt werden —
zur großen Entrüstung der Teilnehmer, zur großen Freude der
„Buchmacher", denen durch die Konkurrenz der Zeitungen mancher
Schilling entgangen war. Wie umfangreich die Kundschaft dieses
Wochenblattes war, bewies die Thatsache, daß, während der
Prozeß noch schwebte, über 1000 Pfund Sterling in Schillingen
einliefen. Der Redakteur wurde nun gezwungen, diese 20 000 Schillinge
einzelit an die Eigentümer zurückzusenden. Etwa 50 Pfund
Sterling wurden unter die Hospitäler verteilt, da die Einsender
nicht zu ermitteln waren.
Auf diese Art in die Enge getrieben, begnügen sich jetzt jene
Blätter dainit, nun jedem Leser eilte Lebensversicherungspolice für
100 bis 1000 Pfund Sterling zu schenken, die in kraft tritt,
falls er auf der Eisenbahn, dem Dampfer, im Omnibus oder auf
der Pferdebahn sein Leben durch einen Unfall einbüßen sollte;
selbst für deit Verlust von Arm oder Bein erhält er eine entsprechende
Entschädigung. Nur die Eisenbahnbediensteten sind von
dieser philanthropischen Einrichtung ausgeschlossen, da in dieser
Beziehung das Risiko zu groß ist; entfallen doch neun Zehntel der
Unfälle auf den englischen Eisenbahnen mit tödlichem Ausgange
auf diese Personen.
Als letztes Beispiel der Strenge, mit der in England alles, was
einer Lotterie ähnlich sieht, unterdrückt wird, sei noch der Fall
eines armen italienischen Zuckerbäckers erwähnt, der schwer bestraft
wurde, weil er seine Kundschaft unter den Kindern auszubreiten
suchte, indem er in jede zehnte Zuckertüte ein Fünfpencestück
einwickelte.
Trotz alledem aber ist der Engländer nicht besser als seine
Nachbarn, und sowohl iin feinen Westend der Stadt wie int übervölkerten
Ostend giebt es Spielklubs in Menge, und keine Woche
vergeht ohne eine Klubrazzia. Doch im Vergleiche mit den Wettklubs
ist man berechtigt, den Spielklnbs eine nur untergeordnete Rolle
zuzuerteilen. Noch niemand hat bis jetzt berechnet, wie viele Millionen
Pfund Sterling jährlich der Engländer int Wetten ausgiebt,
weil dies wohl, der Natur der Sache nach, unmöglich ist; da aber
ein Rechenkünstler nachgewiesen hat, daß die englische Nation jährlich
über 50 Millionen Pfund Sterling am Sport im allgemeinen
verschwendet, dürfte die Gesamtsumme die aller Lotterien Europas
übersteigen. Das Wetten hat sich im Volke zur wahren Leidenschaft
ausgebildet, der alle Schichten eifrig ergeben sind. Man
braucht nur am Vorabende eines wichtigen Wettrennens in ein
Wirtshaus zu gehen, um sich von der Wahrheit dieser Behauptung
zu überzeugen.
Obwohl ans einer Tafel die Warnung zu lesen ist: Betting
is strictly prohibited (Wetten ist streng verboten) schert sich niemand
um dieses Verbot, das nur pro formn an der Wand —
hoch über den Köpfen der Gäste — prangt. Der Hauptgegenstand
der Unterhaltung ist die Frage: welches Pferd hat morgen die
besten Chancen? Stundenlang lvird dieses Thema erörtert, und,
tnit jedein eintretenden Besucher, fängt die Unterhaltung wieder von
vorn an. Deut Beobachter kann es dabei nicht entgehen, daß sich
in der Gesellschaft gewöhnlich ein „Buchmacher" befindet, ein Agent,
dein die Gäste Papierfireifcn, auf dcneit der Name eines Pferdes
geschrieben ist, mit dem Einsätze einhändigen und der ihnen dagegen
nach Verlauf des betreffenden Rennens deit etwaigen Gewinn
auszuzahlen hat. Das Gesetz verbietet das Buchmachen und das
Wetten; und das Einsetzen wird daher heimlich betrieben, soweit es
eben die Oeffentlichkeit des Wirtshauses zuläßt. Dabei kann es
vorkommen, daß sich ein Buchmacher durch einen Geheimpolizisten
bethören läßt und dessen Wette annimmt. Der Buchmacher wird
daitit vor Gericht gestellt und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.
Es fällt ihm aber nicht schwer, dieselbe zu zahlen, denn sein Geschäft
ist meist ein so lohnendes, daß er an einem einzigen Rennen
40 bis 50 Pfund Sterling erzielen kann. Es. kommt auch vor,
daß der Herr Wirt in Person ein „Buch" macht; wird er aber
ertappt, so läuft er Gefahr, die Ausschankerlaubnis zu verlieren.
Andere Buchmacher betreiben ihr Geschäft an den Straßenecken,
etablieren sich als Barbiere, Zeitungshändler :c. und folgen unter
dieser Decke ihrem Berufe. Diese kleinen Buchmacher beschränkeit
meistens den Gewinn auf kleinere Summen; doch kommt es vor,
daß nach einem Renntage utehrere Dutzende dieser Herren plötzlich
ihre Läden schließen und das Weile suchen, weil sie hohe Wetten
mit dem Pnblikutn auf ein Pferd eingegangen waren, das, der
allgemeinen Meinung nach, nicht die geringste Aussicht ans Sieg
hatte, trotzdem aber als erstes am Ziel anlangte. Sie sind somit
bankerott; da aber das Gesetz die Wettschulden nicht anerkennt,
müssen sich die Gläubiger der Buchmacher begnügen, ihren Läden
die Fenster einzuschlagen. Ein solcher Gläubiger eilte, nachdem
er den Sieg seines Pferdes vernommen hatte, an demselben Tage
mit Kind und Kegel nach einem Seebad, um dort die Früchte
seiner Wette zu genießen. Erst nach seiner Rückkehr erfuhr er, daß
sein Buchmacher verschwunden war, ohne einen Pfennig auszuzahlen,
und er sonach seine Rechnung ohne den Buchmacher gemacht
hatte!
Die großen Buchmacher schließen ihre Wetten im Wettklub
ab; die meisten gehören zum Albertklnb, der, vor 30 Jahren gegründet,
über 7000 Mitglieder zählt, oder zu „Tattersalls". Bis
vor kurzein hatte eine große Anzahl Buchmacher ihren Wohnsitz
in Calais tind Boulogne-sur-mer: von dort durch die französische
Regierung vertrieben, sind sie nach Holland geflüchtet, von wo aus
sie mit England deit regsten geschäftlichen Verkehr unterhalten.
In einer intimen Plauderei gestand jüngst der Chef einer dortigen
Buchmacherfirma, daß ein Pferd für ein einziges Wettrennen in
seinen Büchern mit 30 000 Pfund Sterling eingeschrieben war,
lvährend eine zweite Firma in sechs Monaten 34 000 Wetten abschloß
und ein Jahreseinkommen von 5000 Pfund Sterling hatte.
Neuerdings konktirrieren Damen mit den Straßenbuchmachern tind
erfreuen sich lebhaften Zuspruchs. So blüht das Buchmachen,
obwohl vor kurzem ein Londoner Polizeirichter die ganze Sippschaft
der Buchmacher als „einen Fluch für die Gesellschaft"
bezeichnete.
Tie tolle Wettsucht hat noch eine eigenartige Klasse von Geschäftsleuten,
die sogenannten ..tipsters“, auf Deutsch Wettpropheten,
gezeitigt. Sie behaupten, genau das Pferd voraussagen
zu können, das in jedein eiitzelnen Rennen gewinnen wird, und
sind bereit, das Publikum itt das Geheimnis, gegen entsprechendes
Honorar, einzuweihen. Gewöhnlich abonniert der Wettende auf
sechs Monate und wird dann telegraphisch täglich auf dem Laufenden
gehalten. Diese Propheten verlegen sich auch auf das Annoncieren,
um die Gimpel zu fangen, und einer dieser „tipsters“, der
wöchentlich lOOPfllttd Sterling für Annoncen in den Sportszeitungen
ausgab, war imstande, sich nach 18 Monaten mit der schönen Summe
von 15 000 Pfund Sterling, die er sich durch seine Prophezeiungen
erworben, ins Privatleben zurückzuziehen. Mannigfach sind die
Kniffe, deren sich die ..tipsters“ bedienen, tun das Publikum an-