Full text: Kinder- und Hausmärchen

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verloren, so würde ein großes Unglück daraus entstehen? 
Sie nahm die Schlüssel und das Ei, und versprach alles wohl 
auszurichten. Als er fort war, ging sie in dem Haus herum 
von unten bis oben und besah alles: die Stuben glänzten 
von Silber und Gold und sie meinte, sie hätte nie so große 
Pracht gesehen. Endlich kam sie auch zu der verbotenen 
Thür, sie wollte vorüber gehen, aber die Neugierde ließ ihr 
keine Ruhe. Sie besah den Schlüssel, er sah aus wie ein 
anderer, sie steckte ihn ein und drehte ein wenig, da sprang 
die Thür auf. Aber was erblickte sie, als sie hinein trat: 
ein großes blutiges Becken stand in der Mitte, und darin 
lagen tote zerhauene Menschen; daneben stand ein Holz 
block und ein blinkendes Beil lag darauf. Sie erschrak so 
sehr, daß das Ei, das sie in der Hand hielt, hineinplumpte. 
Sie holte es wieder heraus und wischte das Blut ab, aber 
vergeblich, es kam den Augenblick wieder zum Vorschein, 
sie wischte und schabte, aber sie konnte es nicht herunter 
kriegen. 
Nicht lange, so kam der Mann von der Reise zurück, 
und das erste, was er forderte, war der Schlüssel und das 
Ei. Sie reichte es ihm hin, aber sie zitterte dabei, und er 
sah gleich an den roten Flecken, daß sie in der Blutkammer 
gewesen war. 'Bist du gegen meinen Willen in die Kammer 
gegangen,' sprach er, 'so sollst du jetzt gegen deinen Willen 
wieder hinein. Dein Leben ist zu Ende? Er warf sie nieder, 
schleifte sie an den Haaren hin, schlug ihr das Haupt auf 
dem Block ab und zerhackte sie, daß ihr rotes Blut auf dem 
Boden dahin floß. Dann warf er sie zu den übrigen ins 
Becken. 
Grimm, Märchen. 1 o
	        

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