Full text: Kinder- und Hausmärchen

- 83 — 
es war alles vergeblich, sie mußte thun, was die böse Hexe 
verlangte. 
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, 
aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Mor 
gen schlich die Alte zu dem Stallchen und rief ‘Hänsel, streck 
deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.' 
Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, 
die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es 
wären Hänsels Finger und verwunderte sich, daß er gar nicht 
fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und 
Hänsel immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, 
und sie wollte nicht länger warten. ‘Heda, Gretel,' rief sie 
dem Mädchen zu, ‘fei flink und trag Wasser: Hänsel mag 
fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und 
kochen.' Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es 
das Wasser tragen mußte, und wie flössen ihm die Thrä 
nen über die Backen herunter! ‘Lieber Gott, hilf uns doch,' 
rief sie aus, ‘hätten uns nur die wilden Tiere im Wald 
gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben.' ‘Spar 
nur dein Geblärre,' sagte die Alte, ‘es hilft dir alles nichts.' 
Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit 
Wasser aufhängen und Feuer anzünden. ‘Erst wollen wir 
backen,' sagte die Alte, ‘ich habe den Backofen schon einge 
heizt und den Teig geknetet.' Sie stieß das arme Gretel 
hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen oben 
heraus schlugen. ‘Kriech hinein,' sagte die Hexe, ‘und sieh 
zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschießen 
können.' Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen 
zumachen, und Gretel sollte darin braten, und dann wollte 
6»
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.