Objekt: Die Sage vom Ursprung der Christusbilder

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des  Volksglaubens  entsprungenen  Ansicht,  von  einem  gemeinsamen  Gefühl,
genährt  und  getragen  wird.  Diese  Gränze  zu  überschreiten  erlaubt  sie  sich
nicht,  oder  vielmehr  es  fällt  ihr  nicht  ein  sie  zu  verlafsen:  der  Typus  wird
nur,  den  Kunstmitteln  der  verschiedenen  Zeiten  und  der  Begabung  und  technischen ­
  Ausbildung  des  Einzelnen  gemäfs,  in  gröfserer  oder  geringerer  Vollkommenheit ­
  dargestellt;  selbst  in  ungeschickten  Händen  bleibt  er  erkennbar
und  behält  Wirkung.  In  einer  solchen  Zeit  wird  die  Natur  von  der  Kunst
nur  als  Mittel  betrachtet,  den  Gedanken,  von  dem  sie  erfüllt  ist,  auszudrükken:
  sinnliche  Schönheit,  veredelte  Wahrheit  sind  nicht  ihr  Zweck:  sie  opfert ­
  beides  unbedenklich  der  Idee.  Erst  wenn  die  Macht  des  Gemeinsamen
soweit  sich  mildert,  dafs  die  Kunst  dem  Geist  des  Einzelnen  einzuwirken
verstattet,  dann  sucht  sie  in  der  Natur  selbst,  die  sie  reinigt,  der  sie  das  Zufällige ­
  abstreift,  das  höchste  Ziel  zu  erreichen.  Wird  dort  die  Natur  von  der
Idee  zurückgedrängt,  so  birgt  sich  hier,  wie  die  Seele  in  dem  Leib,  die  Idee
in  der  sinnlichen  Erscheinung.  Die  Kunst  wird  dann  frei.  Glücklich  die
Zeiten,  in  welchen  das  Gemeinsame,  das  in  der  Überlieferung  sich  ausdrückt,
noch  nicht  sein  Ansehen  verloren,  und  die  Freiheit  zugleich  Kraft  genug  erlangt ­
  hat,  um  sich  selbst  zu  vertrauen.  Aus  glücklicher  Einigung  beider
Richtungen  erwachsen  dann  Kunstwerke,  welchen  der  Stempel  eines  unvergänglichen ­
  Lebens  aufgedrückt  ist.  Die  grofsen  italienischen  Maler,
unter  ihnen  zumeist  Raphael,  bezeichnen  einen  solchen  Glanzpunct.
Ihnen  gelang  es  jene  höhere  geläuterte  Naturwahrheit,  die  uns  in  den  Erzeugnissen ­
  des  griechischen  Alterthums  entzückt,  mit  dem  Geist  des  Christenthums ­
  zu  erfüllen.  Selbst  Raphael  hat  nicht  überall,  nur  in  seiner  höchsten ­
  Blüthe  die  iiufgabe  gelöst:  wie  in  seinen  ältern  Werken  die  herkömmliche, ­
  unfreie  Richtung  vorherrscht,  so  neigt  er  sich  in  einigen  andern  zu
der  überwiegenden  Natürlichkeit.  Wendet  sich  nämlich  die  Kunst  ganz  von
der  Überlieferung  ab,  so  verliert  sie  sich  in  dem  Ausdruck  der  gemeinen
Wirklichkeit,  die  bis  zum  Widrigen  ausarten  kann,  oder  sie  verflacht  sich  in
einer  idealischen  Unwahrheit  und  gehaltlosen  Schönheit,  welche  die  Seele
kalt  läfst.  Dann  wirken  Laune,  ein  Einfall,  geistreich  oder  geistlos,  anmutig
oder  geziert,  wie  es  sich  trifft,  Zufälligkeiten  aller  Art.  Wer  hat  nicht  bemerkt ­
  wie  die  Kunst  der  neuern  Zeit,  reich  an  ausgezeichneten  Gaben,  die
Treffliches  zu  leisten  im  Stande  sind,  von  einem  Weg  auf  den  andern  springt,
bald  in  dem  griechischen  Alterthum,  bald  in  dem  Mittelalter,  bald  in  der  Ge-
	        
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