Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
LAUTVERSCHIEBUNG 
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golh. ungekürzten himmadaga, ahd. hiutü und hinaht, mhd. hiute hint 
entsprechen, lat. aber und welsch wiederum dasselbe II in hodie 
hacnocte, in heddi und heno erscheint, das lat. H in hic hoc ist 
zugleich das goth. in his hita und enthält keinen Widerspruch gegen 
die lautverschiebung, blosz eine ausnahme von ihr: darum durfte lat. 
haurio zu goth. hausja (s. 315) gestellt werden und mlat. humulus 
(hopfe) finn. humala ist sl. ehmel. Die geschichte der partikeln cum 
ovv %vv uf.iu und unsrer sama ham ga cha leitet auf viele hier ein 
schlagende Verhältnisse. 
21) Es seien noch einzelne ausnahmen von dem wallenden ge- 
setz der Verschiebung namhaft gemacht, die als solche nicht befremden 
dürfen und deren Ursache sich vielleicht allmälich entdecken wird, 
der lat. name des erdwühlenden talpa musz gehören zu ags. delfan, 
alts. delban, ahd. telpan fodere; doch die ahd. consonanz erreicht 
ganz die lateinische und irgendwo mag die folge der laute aus ihrer 
fuge gerathen sein. s. 206 führte dakisches rovXßrßd zur nemlichen 
wurzel, aber die Schwierigkeiten bleiben ungelöst, /.id/uiya lat. ma- 
chaera stimmt nicht zu goth. mekis altn. maekir ags. möce, ahd. mächi? 
vgl. mhd. msecheninc Ben. 361; mitzuerwägen sind sl. metsch poln. 
miecz litth. mdczus gladius, aber auch lat. mucro macellum und raa- 
ctare. mit gr. dy.vXog vergleichbar scheint ahd. eichila, doch wieder 
nicht genau, weil ahd. eili puercus ags. äc goth. aiks? im gr. wort433 
media voraussetzen, nach der weise von /ueyuXog mikils michil. dasz 
dem sl. vjetr” uvi/tiog lat. ventus kein goth. vinfts ags. vut altn. vinnr, 
sondern vinds vind vindr zur seite stehn, folglich ahd. wint wintes 
(doch bei N. wint windes), gibt sich ohne mühe zu. mehr gequält 
hat mich die schwankende lingualis im ags. invit dolus und dolosus, 
alts. inwid dolus, ahd. inwitte dolo (f. inwitie) inwitter dolosus (GrafT 
1, 769.) dem alts. invidiesgern inwideasgern Hel. 141, 16. 154, 12 
entspricht altn. ividgiarn Saun. 138 a und auch ags. wird neben invit 
gefunden invid, Jud. 132, 4 se invidda dolosus; ich möchte das lat. 
invidia (p&övog hinzuhalten, dessen bedeutung unfern liegt der von 
iniquitas dolus, denn invidia invidere stammen von vidcre *, wie litth. 
pawidis pawydejimas invidia von weizdmi, böhm. zawist von zawideti, 
poln. zawisö von widziec. dann aber wäre das ags. invit dem invid 
vorzuziehn und auch ahd. inwiz für inwit zu gcwarten. mir ist ein 
gefallen, ob nicht goth. neiji ags. nid ahd. nid nhd. neid ursprünglich 
hervorgehn aus inveij) oder niveif) (wie ahd. neiz ags. nät aus niweiz 
nevät)? böhm. besteht auszer zawist ein nenawist poln. nienawisc 
odium, weil der hassende das äuge abwendet, der günstige zuwendet 
(s. 173.) wiederum wäre in so uraltem wort die lingualis der stufe 
nicht treu geblieben, die sie im einfachen goth. vitan === videre ein- 
* invidiae nomen dictum a nimis intuendo fortunam alterius (Cic.); insita 
mortalibus natura recentem aliorum felicitatem aegris oculis introspicere. Tac. 
last. 2, 20. das in- läszt sich positiv als zuschauen, oder negativ den blick ab 
wenden deuten.
        

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