Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

GOTHEN 
dyn mit welschem dynad (s. 211. 217) wie aus dem abstand zwischen 
priadila und friudila, pegrina und fagreina (s. 215), dochela und tagl 
(s. 209); auf die ungewisseren Vergleichungen von not'E, mit fahs 
(s. 207), prodiorna mit fraf)jarna (s. 213), koliata mit hatjata, yovoq 
mit kuni (s. 208) soll weniger gebaut werden. Dasz aber einzelne 
mutae noch zu den gothischen treffen erklärt sich aus der nicht 
allenthalben durchgedrungnen neuerung, und wie auch wir golh. du 
für tu = ahd. zi wahrnehmen (s. 421), darf mil jenem övv noch 
goth. deina oder deinö stimmen, ja in Dacus und dakina (s. 209) 
erscheint die auch in goth. dags, altn. dagr und dem volksnamen 
Danir fortdauernde media, wie sie der weiter geschobne ahd. laut in 
tac und Teni voraussetzt, habe ichs aber nicht verfehlt in Decehalus 
und Taiphalus (s. 194), so zeigt sich hier die ahd. Verschiebung des 
D in T nach neunter, und eines vorauszusetzenden goth. P in PH 
oder F nach erster gleichung. 
Freilich bleibt in einzelnen namen anstosz zurück; doch wie un- 
regelmäszig sind eigennamen überhaupt? die s. 199 versuchte deu- 
tung von Ava^xoi wird bedenklich, wenn hardus aus xagrog (s. 400) 
437 entspringt, und man musz für Bessi und Bastarnae, auf welche ich 
hernach noch zu sprechen kommen werde, ein andres gesetz suchen, 
als ihnen die .erste gleichung anweist. 
Immerhin glaube ich schon jetzt den satz verantworten zu kön 
nen, der bei fortgepflogner prüfung kaum wieder fallen wird, dasz 
unter den ostdeutschen stammen Lautverschiebung ungefähr in der 
zweiten hälfte des ersten jh. einzureiszen begann, und sich im zweiten 
und dritten festgesetzt hatte, westlich vorgedrungnen könnte sie aber 
schon früher eingetreten sein, und darum reifte sie dort zu einer 
neuen stufe heran, deren beginn schwerer zu bestimmen fällt; im 
siebenten jh. scheint auch diese entfaltet, also etwa in der zeit, wo 
sich die romanische änderung der kchllaute zugeiragen hatte (s. 388.) 
So natürlich das steigern des lauts in der ganzen sprachanlage 
erscheinen mag, kann man es doch zugleich unter den schon s. 417 
eröfneten gesichtspunct fassen und nach einer Ursache fragen, die 
dazu in der geschichte unsers volks vorhanden war. 
Seit dem schlusz des ersten jh. halte sich die Ohnmacht des 
römischen reichs, w r enn auch seine flamme einigemal noch aufleuchtete, 
entschieden, und in den unbesiegbaren Germanen war das gefiihl 
ihres unaufhaltsamen vorrückens in alle theile von Europa immer 
wacher geworden; jetzt erhob sich statt des langsamen und ver 
weilenden zugs, den sie von Asien her unvordenkliche jahrhunderte 
hindurch eingehallen hatten, ein rascherer sturm, den die geschichte 
vorzugsweise Völkerwanderung nennt. nur die wenigsten Stämme 
blieben in ihrem sitz haften. 
Wie sollte es anders sein, als dasz ein so heftiger aufbrucli des 
volks nicht auch seine spräche erregt hätte, sie zugleich aus herge 
brachter fuge rückend und erhöhend? liegt nicht ein gewisser mut 
und stolz darin, media in tenuis, tenuis in aspirala zu verstärken?
        

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