Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

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ANGELSACHSEN 
ärisan und risan, fries. und altn. risa bedeuten surgere, das ahd. risan, 
mhd. risen umgekehrt cadere, welches der ursprüngliche sinn scheint, 
so dasz der von surgere erst durch die im goth. und ags. nicht feh 
lende partikel ur und ä bewirkt wurde, dann aber auch nach deren 
abfall im alts. fries. altn. beharrte. * dem goth. lukan und altn. liika 
wohnt blosz die bedeutung claudere bei, dem ags. lüean, fries. lüka, 
mhd. liechen auszerdem die scheinbar ganz ferne von vellere avellere, 
raufen, rupfen; ohne zweifei galt sie auch im niedersächsischen dialect, 
da sich z. b. in den Bremer stat. s. 187 lök vellebat findet, mhd. 
belege stehn Diut. 2, 119. MS. 2, 101 a . hier wiederum zeigt erst 
das goth. uslukan den sinn von tXxtiv, onuod'cu, vellere, extrahere, 
665 ebenso das ahd.. arliochan, üzliochan zaliochan, d. h. erschlieszen, 
aufschlieszen, Öfnen (weil das eingeschlossenc versteckt, das erschlos 
sene hervorgezogen wird), allmälich blieb aber die den sinn um 
drehende partikel weg, dennoch die von ihr abhängige bedeutung 
haftend, das ags. risan und lücan müssen ursprünglich cadere und 
claudere ausgedrückt haben, von ihnen wurden ärisan surgere, älücan 
vellere gebildet und zuletzt auch nach abgeschliffener partikel den 
scheinbar einfachen risan und lilcan diese bedeutungen gelassen, was 
GralF 2, 138 von einem formellen unterschied zwischen lfichan clau 
dere und liuchan (soll heiszen liochan) aufstellt ist grundlos. 
Bisher ist blosz die berschende sächsische oder westsächsische 
mundart abgehandelt worden, der anglischen oder nordenglischen, 
northumbrischen sollten eigne forschungen gewidmet werden und dabei 
die heutigen volksdialecte nicht unberücksichtigt bleiben. Von Caedmons 
erstem lied gibt es eine schwach gefärbte anglische recension (in 
(Thorpes vorrede s. XXII.) mehr northumbrischen dialect liefern das 
rituale ecclesiae dunelmensis London 1839 und das sogenannte Dur- 
hambook, dessen ausgabe noch unvollendet ist (ich besitze nur Matth. 
1 bis 14, 3.) Auszer den schon gramrn. 1, 377. 378 angemerkten 
vocalverhältnissen hebe ich hier folgende eigenheiten hervor. Dem 
infinitiv, pl. praes. conj., so wie der schwachen declination gebricht 
das anlautende N, wol aber behaupten es die praeterila pl. und die 
participia praeteriti. es heiszt also vosa für vesan, habba f. häbban, 
doa f. dön, foa f. fön, nioma f. neman, lufa f. lufian, boensa suppli- 
care f. bünsian u. s. w. habba habeamus, gifoela sentiamus, sie si- 
mus; dagegen die praeterita lauten voeron eramus und essemus, rioson 
surreximus und surgeremus, und die part. praes. -ende, die gerundia 
-anne behaupten: tö fleanne ad fugiendum, ich finde selbst das geni- 
tivische boensendes supplicandi im ritual s. 41. einigemal zeigt die 
prima praes. sg. M: biom ero, sium video, döm faciam. für ags. -ad 
häufig schon -as. 
* Bopp bat angemerkt, dasz aucli die sanskritwurzel pat cadere (gr. nimeiv 
redupl. für nireiv praet. 7TS7trcoy.a, slav. pasti, padati) ausdrücke, durch Zutritt 
der praep. ut in utpat auffliegen also surgere bezeichne, das ahd. arfallan, ags, 
äfeallan behalten aber den sinn von fallan feallan.
	        

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