Volltext: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
SCHWACHE VERBA 
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und echter unterschied zwischen -a und -i in beiden personen scheint 
unbegründet*. 
Die gestalt dieses auxiliars musz aber nun näher erwogen wer 
den. kein zweifei, dasz in ihm unser heutiges verbum c thun enthal- 
ten ist**, aber wie es ehmals noch vor ein tritt der lautverschiebung . V ; UW • 
beschaffen war. da die schwache verbalbildung lange vor dem Wan 
del der stummen consonanten sich zugetragen hat, so begreift man, 
warum sie ihm widerstand; ihre Überbleibsel im goth. ags. und altn. 
lauten wie in den urverwandten auf D, die hochdeutschen daher auf 
T an. 
Nun gehn aber die begriffe des thuns und gebens in einander 882 
über, dedisset wird durch ahd. täli verdeutscht (Graff 5, 290), den 
Angelsachsen hiesz dön gode : reddere deo; god däghvamlice us död 
üre neäde : deus quotidie nobis suppeditaif necessaria. noch heute 
sagt der Niedersachse: do mi dat holt ins : reiche, gib mir das buch 
einmal, einem thun bedeutet was einem geben : machen dasz er habe. 
Thun ist also unmittelbar und buchstäblich das lateinische dare, 
do das dat, welches sein praeteritum, dem anschein nach, reduplicie- 
rend bildet: 
dedi dedisti 
dedimus dedistis 
doch die composita nehmen I für E an: 
addidi addidisti 
addidimus addidistis 
ebenso wenn die reduplication ins praesens vorzurücken und für do ein 
dedo zeugend den begrif zu verstärken scheint: 
dedidi dedidisti dedidit 
dedidimus dedidistis dediderunt. 
Hier aber öfnet für unsere sprachen den Vermutungen sich ein weites 
fehl. Wir würden sichrer gehn, hätte sich in der goth. spräche jenes 
einfache verbum gesondert erhalten; doch gerade diesmal ist von ihr 
für den begrif des thuns ein lautverschobnes taujan gebildet worden, 
dedit 
dederunt 
addidit 
addiderunt, 
* was auch durch die jüngere Verwendung eines unsuffigierten auxiliars be 
stätigt wird (gramm. 4, 94.) 
** Munch will in dem tavidö feci auf der inschrift des goldnen horns eine 
ältere gothische form für tavida finden und den ausgang -da der dritten person 
beimessen, zu geschweigen, dasz auf dem denkmal keine dritte person vorkommt, 
und der mundart, in welcher es abgefaszt ist, für beide personen -dö (oder gar 
-do, denn das 0 in horna hat dieselbe runc) zustchn könnte; so erblicke ich 
auch bei Vergleichung der urverwandten sprachen keinen grund, um der ersten 
person tavidö, der dritten tavida zuzusprechen, im sanskrit heiszt die erste per 
son tatäna tetendi, die dritte wiederum tatäna tetendit (Bopp s. 846) und diese 
Übereinkunft beweist mehr als die abweichung des lat. tetendi von tetendit oder 
des gr. yeyova von ysyove, selbst im latein und gr. walten hier nur kürzen, 
keine längen, sogar das altn. -a und -i würde nicht für -ö und -a streiten, ta 
vidö oder tavidö mag aber wol bemerkt werden als dialectische abweichung, wie 
sie bei einem volkstamm der kimbrischeu halbinsel vorkam, welchem man das 
horn und die inschrift beizulegen hat. mir fällt ein, dasz auch in einer glosse 
zum bairischen Rudlieb II, 226 zugilprechoto (lorifregi) steht für zugilprechota. 
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