© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 79
XVIII
Kunststücke springen läßt: sie har die Gewalt der Dichtung
gebrocken. Die Volkspoesie lebt gleichsam in dem
Stand der Unschuld, sie ist nackt, ohne Schmuck, das
Abbild Gocteö an sich tragend; die Kunst hat das Bewußcseyn
empfangen, sie kann den Muth nicht mehr
haben ihren Gegenstand hinzustellen, wie er ist, som
dem er muß umkleidet werden. Es ist darüber kein
Streit, man muß es empfinden, aber diese Kleidung
ist es, die wir in den Gefangen der Edda finden, dieses
Gemeßene, Runde. Dadurch wird nicht gesagt,
daß sie nicht auch sehr einfach seyn können, noch wird
über den Rang zwischen beiden abgeurtheilt; wenn wir
die Volkslieder wegen der Gewalt und Wahrheit lieben,
mit welcher sie das Leben und das Größte des
Lebens nah vor uns hinstellen, so sehen wir in den
Kunstgesängen alle Kräfte der Menschheit gesteigert,
die Heiden idealer und höher zu den Göttern gerückt.
Erne nähere Vergleichung wird dadurch möglich, daß
wir an beiden Orten dieselbe Fabel behandelt finden.
In einem Lied (0tr. 27. , welches aus andern Gründen
nicht zu den Heldenliedern ist gestellt, wiewohl es
an Alter ihnen gleich kommen dürste, wird erzählt, wie
ein verlorener Hammer listig wieder gewonnen worden;
und davon findet sich auch in der Edda Sämundar
ein Gesang. Zug für Zug folgen sich beide Dichtungen
in der Fabel,*) nur daß der Riese in der Edda
nicht vor Schrecken über das ungeheure Eßen der Braut,
*) S. Anhang Nr. 27.