© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 79
XXVII
sie zu unsrer Nanonalpoesie gehören, indem sich nachweisen
lässt, daß sie schon mehrere Jahrhunderte durch
unter dem Volk gelebt.
Seltsam ist das Lied von dem Held Vonved, ( Unter
dem Empfang des Zauberseegens und mit rathselhaften
Worten, daß er nie wiederkehre oder dann den
Tod seines Vaters rachen müsse, reitet er aus. Lange
sieht er keine Stadt und keinen Menschen, dann, wer
sich ihm entgegen stellt, den wirft er nieder, den Hirten
legt er seine Räthsel vor über das edelste rmd abscheuungswürdigste,
über den Gang der Sonne und die
Ruhe des Todten: wer sie nicht löst, den erschlagt er;
trotzig sitzt er unter den Helden, ihre Anerbietungen gefallen
ihm nicht, er reitet heim, erschlagt zwölf Zauberweiber,
die ihm entgegen kommen, dann seine Mutter,
endlich zernichtet er auch sein Saitenspiel, damit
kein Wohllaut mehr den wilden Sinn besänftige. Es
scheint dieses Lied vor allen in einer eigenen Bedeutung
gedichtet, und den Miömuth eines zerstörten herumirrenden
Gemüths anzuzeigen, das seine Räthsel will
gelöst haben: eö ist die Angst eines Menschen darin
ausgedrückt, der die Flügel, die er fühlt, nicht frei bewegen
kann, und der, wenn ihn diese Angst peinigt, gegen
alles, auch gegen sein Liebstes, wüthen muß. Dieser
Charakter scheint dem Norden ganz eigenthümlich ; in dem
seltsamen Leben Königs Sigurd, des Zerusalemfahrers, *)
auch in Shakespeares Hamlet ist etwas ähnliches.
*) Heimskringla XII.
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