Volltext: Altdeutsche Waelder. - Band 3

Ueber  die  Kerlirigische  Ahnmutter  Berta.  kl

2.  Warum  sie  spinne  oder  webe.
Berta  begibt  sich  zu  einem  Müller  und  nährt  sich
mit  Spinnen  und  Weben,  welches  in  den  Sagen  auf
verschiedene  Art  ausgedrückt  wird;  es  ist  ein  allgemeiner ­
  Zug  der  Kindermärchen,  daß  die  unglücklicheJungfrau
  im  hohlen  Baum  sitzt,  an  ihrer  Erlösung  spinnend ­
  und  nähend.  Die  ganze  Idee  weist  sich  aufs  tiefsinnigste ­
  aus.  Die  Nornen  spinnen  und  weben,  ja  das
Schicksal  ist  ein  Geweb  und  hangt  am  Faden.  Die
Wörter  der  Sprache:  richten,  legen,  auslesen,  urtheilen ­
  rc.  gelten  zu  gleicher  Zeit  vom  wirken,  festigen,
knüpfen  des  Gewebs  und  Gespinstes;  nothwendig  erscheinen ­
  also  die  Walkyrien  in  dieser  Weise.  Auf  der
andern  Seite  liegt  dasselbe  schon  im  Namen  der  Berta ­
  selbst,  denn  der  vom  Licht  ausgehende  Strahl  ist
zugleich  Haar  und  Flachs  und  die  Jungfrau  spinnt
den  Glanz  ihrer  goldnen  Haare.f  Maria  als  Meerstern
auf  dem  Fußschemel  des  Mondes  stehend  spreitet  ihre
Strahlen  aus.  Daher  fallen  Berta  und  Bart  zusammen ­
  ,  die  fabelhafte  Erklärung  des  Namens  der
Langbarten  aus  den  strahlenden  Haaren  besteht
als  eine  vollkommen  richtige  neben  der  andern,  diejelbe
Idee  nur  anders  ausdrückenden  von  den  Spießen
(Barten)  ganz  genau.  Denn  Spieß  bedeutet  auch  die
Spindel,  bertecillo  im  neapolitanischenDialect  das
nämliche,  •
3 .  Warum  sie  einen  platten  Fuß  habe.

Berta,  so  sehr  in  den  altfranzösischen  Sagen  ihre ­
  Schönheit  erhoben  wird,  ist  dennoch  ausdrücklich
mit  einem  großen  Fuß  begabt,  und  heißt  darum
Berthe  au  grand  pied  *).  Dieser  Umstand,  der  in  den
späteren  Liedern  zu  weiter  gar  nichts  führt  und  aus
chronikmäßiger  Treue  beibehalten  blieb,  wäre  völlig
unerklärlich,  wenn  nicht  daS  vorausgeschickte  den
Schlüssel  von  selber  böte.  Es  ist  der  Schwan  fuß
»der  Gansfuß,  den  die  Meerjungfer,  ihrer  menschlichen ­


*)  Reali  di  Franza  VT.  I.  „Berta  del  gran  pie  ,  peuche  T
elJa  aveva  un  pie  un  poco  maggior  dell  alcro  e  q  u  e  11  o
cra  ii  pie  destro,”
	        
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