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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 72
das letzte gedieht ist einigemal bis zur Unverständlichkeit
roh, das zweite schon geglätteter, und doch nicht
ohne poetische kraft. Alle diese langzeilen haben fünfzehn
silben, in der zweiten hälfte eine weniger als in
der ersten; reime brechen zufällig und unregelmäfsig
hervor, bisweilen in der mitte:
Laude pugna non est digna nec canatur melode.
Pater mater soror frater, quos amici fleverant.
Ihnen am nächsten reicht der Volkston spanischer romanzen.
Ungleich lieblicher und formvollendeter sind die
jüngeren lateinischen dichtungen des zwölften und dreizehnten
jh., für welche Waltherus Mapes das muster
gegeben zu haben scheint; in der gewöhnlichen weise
Strophen von vier dreizehnsilbigen zeilen, mit demselben
klingenden reim, dem einschnitt nach der siebenten
silbe. so die bekannten lieder:
Tertio capitulo memoro tabernam
und Aestuans interius ira vehementi;
so auch in dem schönen carinen de Phyllide et Flora *):
Susurrabat modicum ventus tempestivus,
Locus erat viridi gramine festivus,
Et in ipso gramine defluebat rivus
Yivus atque garrulo murmure lascivus.
Eine andere weise durchflicht die reime oder legt sie
nach innen, hat auch abweichende silbenzahlung:
Yersa est in lucturn cithara Waltheri,
Non quia se ductum extra gregein cleri
Vel ejectus doleat, ut abjecti lugeat
Vilitatem morbi,
Sed quia considerat, quod ünis accelereat
Inprovisus orbi.
*) üoeen in Aretins beitr. 9, 302-309.