Volltext: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

aus

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f.  Römische  Mosaiken  aus  Trier  und
dessen  Umgegend.  Gezeichnet  und  erläutert
vom  Domcapitular  I.  N.  v.  Wilmowsky.
Nach  dessen  Tode  herausgegeben  von  der  Gesellschaft ­
  für  nützliche  Forschungen  in  Trier.
Hierzu  ein  Heft  mit  IX.  Tafeln.  Trier
1888.  Folio.
Die  vorliegende  schöne  Publication  ist  in
gewissem  Sinne  ein  Werk  der  Pietät.  Ein
Mann,  dessen  Leben  dem  Studium  der  Reste  des
Alterthums  geweiht  war,  die  der  Boden  Triers
in  sich  schließt,  hatte  eine  Anzahl  Mosailböden,
von  denen  die  meisten  ohne  sein  energisches  Hinzutreten ­
  für  immer  verloren  wären,  ausgewählt,
um  sie  in  farbiger  Nachbildung  seiner  eigenen
Zeichnungen  herauszugeben.  Es  vergehen  Jahre,
ohne  daß  eS  dazu  kommt.  Erblindet  endlich,
kann  er  den  verbindenden  Text  selbst  nicht  mehr
niederschreiben.  Er  dictirt  ihn;  wiederum  vergehen ­
  Jahre;  nach  seinem  Tode  endlich  erscheinen ­
  die  Tafeln  und  die  Erklärung.  Eine
Einleitung  aus  der  Feder  des  vr.  Hettner
deutet  an,  an  welchen  Stellen  die  heutige
Forschung  mit  den  von  Wilmowskys  nicht  mehr
übereinstimme:  dennoch  wird  dessen  Meinung
hochachtungsvolle  Würdigung  zu  Theil,  indem
man  sein  Manuscript,  soweit  die  Umstände  dies
gestatten,  unberührt  zum  Druck  befördert.  Alles,
was  die-  die  Tafeln  begleitende  Heft  enthält,  ist
lehrreich  und  vortrefflich  geschrieben.  Es  besitzt
den  eigenthümlichen  Reiz  sämmtlicher  auf  Trier
bezüglicher  Untersuchungen,  die  uns  in  die  oft
wild  bewegten  Schicksale  einer  Stadt  «'inkühren,
in  die  Zeiten  der  Ruhe,  des  Reicithrnn?  und
der  Pracht  mit  Tagen  der  Zerstörung  uuv  deS
Herabkommens  in  Jahrhunderten  gewechselt
haben.  Heute  liegt  Trier  wie  ein  ausgebrannter
historischer  Krater  da,  wenn  man  dieses  Bild  gestatten ­
  will,  und  nur  von  guten  und  schlechten
Jahrgängen  ausgezeichneter  Weine  ist  noch  die
Rede,  wenn  man  von  Schicksalen  der  Stadt
sprechen  wollte.  Es  ist  schade,  daß  sie  doch
immer  nur  ein  Platz  zweiten  Ranges  war,  von
dem  Welterschütterndes  niemals  ausging:  eine
»Geschichte  Trier'S"  könnte  sonst  eine  Reihe  von
Bildern  vor  vnS  vorübergehen  lassen,  für  die
eine  prächtigere  Staffage  nicht  zu  denken  wäre.
Ueber  die  Mosailböden,  deren  Muster  nnst
hier  vorliegen,  ist  nur  zu  sagen,  was  bei  sc>
manchen  Resten  des  Alterthums  uns  entgegentritt: ­
  daß  der  weltumfassende  ornamentale  Geist
der  Jahrtausende,  in  denen  diese  Dinge  entstanden, ­
  etwas  unauslöschlich  Lebendiges  in  sich
trug,  daß  auch  bei  den  Produkten  der  Zeiten
des  Berfallcns  seine  Schönheit  behauptet.  Das
sogenannte  große  Publicum  der  letzten  Zeit,  in
die  Nachahmung  und  Bewunderung  des  Äoccocco
und  des  Barock  hiueinverlockt,  mtt  denen  der
unersättliche  Hunger  nach  Abwechslung  heute
gestillt  werden  soll,  wird  wenig  gesunden  Blick  für
diese  Tafeln  übrig  haben,  deren  Zweck  einstweilen
wohl  nur  darin  bestände,  der  Gelehrsamkeit  neuest
Material  zu  schasse».  Tritt  früher  oder  später
allgemeineres  Verständniß  wieder  an  die  Stelle
dieser  Gleichgültigkeit,  so  wird  die  vorliegende
Publication  sich  dann  den  Dan!  auch  einer
späteren  Generation  enverben.

ßxw.  La  pietosa  tomba  di  Cola  di  Rienzo.
Dü©  .Wemorie  di  Doneoieo  Tordi  e  »na
lettera  dell»  111  » B# .  Sindeeo  di  Koma.
Kontf  1887.  Separatabdruck  aus  dem  Journale ­
  »11  Buonarroti 1 '  Serie  HI,  vol.  HI,
^  -  mm  -7  lOQo  9
tguaucjlll  AA  r,  4X4  <  looo*
Der  unbekannte  gleichzeitige  Biograph
Cola'S  di  Rienzo  bemerkt,  nachdem  er  daS'Ende
der  Volkstribunen  geschildert  hat,  wie  das
wüthende  Volk  Roms  den  entstellten  Körper
ihres  »Befreiers"  bis  zu  der  Kirche  San  Marcello
  geschleift  und  an  den  Balcon  eines  Hausest
gehängt  habe.  Rach  zwei  Tagen  und  einer
Nacht  wären  die  Juden  Roms  gekommen  und
hätten  die  Reste  des  Mannes  vor  dem  Mausoleum ­
  des  AugustuS  verbrannt.  Gleich  nach
Cola'S  Tode  umgab  diesen  phantastischen  Abenteurer ­
  ein  mythischer  Schimmer.  Als  ein  Befreier ­
  des  Volkes,  als  ein  Verfechter  desselben
gegen  alle  Tyrannei,  so  lebt  Cola  di  Rienzo  m
der  Erinnerung  von  einem  großen  Theile  der
römischen  Bevölkerung  in  Dichtung  und  Tönen
weiter,  und  die  römische  Stadtvertretung  hab
mit  .leiser  politischer  Tendenz  in  jüngster  Zeih
sein  Standbild  aust  Erz  aufstellen  lasten,  zur
linken  Hand  an  der  großen  Freitreppe  zum
Capitol,  die  Michelangelo  entworfen,  vor  dem
Käfige  der  Wölfin,  an  der  Stelle,  wo  der  Tribun
nach  allgemeiner  Annahme  den  Todesstreich
empfing.  Seit  welcher  Zeit  dann  das  Gerücht
umherging,  der  Körper  Cola'S  di  Rienzo  fei
überhaupt  nicht  verbrannt,  sondern  in  einer
Kirche  RomS  beigesetzt  worden,  ist  nicht  zu  bestimmen. ­
  Genug,  in  der  Kirche  St.  Maria  di
Bonosa  in  Trastevere  zeigte  man  einen  Grabstein, ­
  der  Cola'S  Gebeine  decken  sollte.  In  der
Reliesfigur  eines  Ritters  auf  der  Platte,  mit
Marmorinschrift  und  Wappen  wähnte  man  das
Abbild  dieses  Mannes  zu  besitzen.  Diese  Volkstradition ­
  hielt  sich  bist  jetzt  mit  aller  Zähigkeit,
waS  immer  auch  die  moderne  historische  Forschung
dagegen  einwenden  mochte.  Und  so  kam  es.
daß  bei  dem  Abbruche  dieser  unscheinbaren
Kirche,  die  wie  so  zahlreiche  andere  Monumente
Roms  von  größerem  Werthe  der  neuesten  Baulust ­
  weichen  mußte,  die  Giunt&  municipale
RomS  in  aller  Stille  Nachforschungen  nach  dem
Grabe  und  den  Ueberresten  Cola'S  anstellen  ließ,
die,  wie  zu  erwarten,  zu  keinem  Ergebniß  geführt ­
  haben.  Gegen  die  Grundlosigkeit  der
Volkstradition  einerseits,  andererseits  gegen  das
Vorgehen  der  Stadtvertretung  RomS  ans  Grund
dieser  Fabel  richten  sich  die  beiden  obengenannten
Schriften  Domenigs  Tordi.  Unter  Zusammenstellung ­
  des  bezüglichen  Materials  zeigt  er,  wie
jene  Grabplatte  an  St.  Maria  di  Bonosa
weder  das  Wappen  noch  den  Namen  Cola'S  di
Rienzo  enthält.  Am  Fuße  der  Ritterfigur  liest,
man  die  Worte  »Niccolo  Vecca"  in  den  Schriftzügen ­
  des  Trecento.  Wegen  der  Form  Niccylo.
statt  Cola,  ist  vermuthet  worden.  eS  ruhe  irgend
ein  fremder  Ritter  dieses  Namens  an  diesem,
Orte.  Andrerseits  aber  kann  man  sich  erklären,
wie  gerade  durch  den  Vornamen  Niccolo  die
Trasteveriner  zu  dem  Glauben  kamen.  Cola's
Gebeine  befänden  sich  unter  jenem  Steine.  So,
existiren  weder  in  St.  Maria  di  Bonosa,  noch,
sonst  wo  in  Rom  die  Reste  des  .letzten  der
Tribuner*;  und  der  Bericht  der  gleichzeitigen
Biographen  von  der  Verbrennung  Cola's  di.
Rienzo  hleibl  unangefochten.
	        
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