56 Hexe und hatte wohl gesehen, wie die beiden Kinder fort ­ gegangen waren, war ihnen nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen schleichen, und hatte alle Brunnen im Walde ver ­ wünscht. Als sie nun ein Brünnlein fanden, das so glitzerig über die Steine sprang, wollte das Brüderchen daraus trin ­ ken: aber das Schwesterchen hörte, wie es im Rauschen sprach 'wer aus mir trinkt, wird ein Tiger; wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.' Da rief das Schwesterchen 'ich bitte dich, Brüderchen, trink nicht, sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißest mich.' Das Brüderchen trank nicht, ob es gleich so großen Durst hatte, und sprach 'ich will warten, bis zur nächsten Quelle.' Als sie zum zweiten Brünnlein kamen, hörte das Schwesterchen, wie auch dieses sprach 'wer aus mir trinkt, wird ein Wolf; wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.' Da rief das Schwesterchen 'Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frissest mich.' Das Brü ­ derchen trank nicht und sprach 'ich will warten, bis wir zur nächsten Quelle kommen, aber dann muß ich trinken, du magst sagen, was du willst; mein Durst ist gar zu groß.' Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das Schwe ­ sterlein, wie es im Rauschen sprach 'wer aus mir trinkt, wird ein Reh, wer aus mir trinkt, wird ein Reh.' Das Schwe ­ sterchen sprach 'ach, Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein Reh und läufst mir fort.' Aber das Brü ­ derchen hatte sich gleich beim Brünnlein nieder geknieet, hinab gebeugt und von dem Wasser getrunken, und wie die ersten Tropfen auf seine Lippen gekommen waren, lag es da als ein Rehkälbchen. Nun weinte das Schwesterchen über das arme ver-